Die jährliche Menge, die sich in das arktische Meer ergieße, liege heute mit zusammen rund 1700 Kubikkilometern im Jahr um etwa zehn Prozent höher als noch vor 60 Jahren, sagte Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) der Nachrichtenagentur dpa.
Die Ergebnisse sind im Fachjournal «Nature Climate Change» veröffentlicht. «Es nimmt nicht dramatisch zu, aber es ist ein langfristiger Trend vorhanden.» Die Forschungsarbeit habe einen Zusammenhang zwischen der Zunahme des Wassers in den Flüssen und Veränderungen in der großräumigen atmosphärischen Zirkulation ergeben, sagte Gerdes, Professor für physikalische Ozeanographie. Ein Faktor sei die Erwärmung der Luft. Diese könne mehr Wasser transportieren und das führe zu größeren Niederschlagsmengen.
Außerdem spiele die seit einigen Jahren zu beobachtende Verschiebung des Island-Tiefs nach Osten eine Rolle. Auch werde immer häufiger die in Europa dominierende zonale Strömung (entlang der Breitengrade) durch eine meridionale Strömung (entlang der Längengrade) ersetzt. «Dass bedeutet, dass mehr Feuchtigkeit in die Einflussgebiete dieser Flüsse transportiert wird», erläuterte der Professor. Die Ergebnisse passen nach Gerdes Angaben gut zu den bisherigen Erkenntnissen zum Klimawandel.
Der Trend zu einem größeren Süßwasserabfluss in dem untersuchten Bereich werde sich mit fortschreitender Erderwärmung weiter fortsetzen. «Das ist gar keine Frage.» Die kurzfristige Entwicklung sei dagegen unsicherer, es gebe von Jahr zu Jahr enorme Ausschläge. Der bisherige Zuwachs des Abflusses habe keinen größeren Einfluss auf das Nordpolarmeer, sagte Gerdes. Grundsätzlich könnten sehr große Süßwassermengen aber Einfluss auf die nordatlantische Zirkulation haben, die das Klima in Europa wesentlich mitbestimmt.

