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Europa ist bei der Atomenergie gespalten (06.09.2010)

Mehrere EU-Staaten setzen wie Deutschland trotz Risiken und nicht vorhandener Endlager länger auf Atomstrom. Andere streben gar den Neubau von Atommeilern an. Von einer internationalen Ausweitung des Kernkraft-Anteils kann dennoch keine Rede sein.
Berlin - Politiker in ganz Europa entdecken derzeit die Kernenergie neu. Nicht nur in Deutschland werden die Laufzeiten verlängert, andere Staaten wie Italien, Schweden oder Finnland streben sogar Neubauten an. Angesichts der Debatte um niedrigere Strompreise und Klimaschutz erlebt die Atomenergie zumindest bei Politikern eine Renaissance - wobei massiv auf Kernkraft setzende Länder wie Frankreich nicht unbedingt für günstige Strompreise stehen.

KKW Saint-Laurent_des_Eaux_Bild: Remi Jouan_CC30Vor der Einigung der schwarz-gelben Koalition auf 12 Jahre längere Laufzeiten hatte die deutsche Atomlobby die Koalitionäre immer wieder auf die Situation in Skandinavien hingewiesen. Der Reichstag in Helsinki beschloss jüngst den Bau zweier neuer Reaktoren, zuvor hatte das schwedische Parlament nach 30 Jahren das Verbot von AKW-Neubauten aufgehoben und den Weg für neue Kernkraftanlagen als Ersatz für die bisherigen zehn Reaktoren freigemacht. So weit wird es in Deutschland vorerst nicht kommen. Das im Atomgesetz festgeschriebene Neubauverbot soll auch unter Schwarz-Gelb Bestand haben.

Der Weltenergierat Deutschland - ein Verbund von Energiekonzernen - forderte im August eine Atomkraft-Renaissance. Alle europäischen Kernenergiestaaten, bis dahin mit Ausnahme Deutschlands, hätten sich für eine faktische Laufzeitverlängerung entschieden, hieß es.

Aber über längere Laufzeiten hinaus sind Hoffnungen auf viele neue Meiler verfrüht: Nur ein Teil der Neubauprojekte wird tatsächlich realisiert - angesichts des Ausbaus der Ökoenergien fließen vielerorts die staatlichen Subventionen nicht mehr so üppig und die Kosten bei vielen Projekten schießen durch die Decke. Allein in Deutschland wurde die Atomenergie von 1950 bis 2008 mit 164,7 Milliarden Euro staatlich gefördert, heißt es in einer Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag von Greenpeace.

Wie in Deutschland zeigt sich, dass durch längere Laufzeiten - nun sind bis zu 46 Jahre Betriebszeit geplant - viele Meiler länger Atomstrom liefern könnten. Kritiker betonen, dass Meiler bisher eine Lebensdauer von im Schnitt 25 bis 30 Jahre haben, eine längere Lebensdauer berge erhebliche Risiken. Aktuell sind weltweit 436 Atomreaktoren in 30 Ländern in Betrieb, die rund 14 Prozent der globalen Stromversorgung liefern - in Deutschland hat Atomstrom einen Anteil von knapp 25 Prozent. Das Deutsche Atomforum verweist darauf, dass sich von 2008 bis 2009 die Neubauprojekte von 10 auf 20 Kraftwerke verdoppelt hätten.

Doch ein Gutachten des Prognos-Instituts für das Bundesamt für Strahlenschutz erteilt der Frage nach einem massiven Ausbau der Kernenergie eine Absage. «Vielmehr werden die altersbedingten Abschaltungen dazu führen, dass die Zahl der Reaktoren, die installierte Leistung und die Stromerzeugung in Kernkraftwerken deutlich zurückgeht», heißt es dort. Trotz mehr Neubauten verglichen mit den vergangenen zehn Jahren werde das Niveau des Baubooms der 1970er und 1980er Jahre nicht erreicht, heißt es in der Studie.

Von Georg Ismar, dpa 

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