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Klimakonferenz: Alles noch schlimmer als befürchtet? (13.03.2009)

Milde lächelnd trägt der Physiker Hans Joachim Schellnhuber aus Potsdam vor 2000 weltweit führenden Klimaforschern seine düsteren Prognosen vor. «Wer hat hier schon mal russisches Roulette gespielt?» fragt er beim Vorbereitungstreffen auf den großen UN-Klimagipfel in den Kopenhagener Saal, und natürlich meldet sich niemand. «Wir tun das alle mit dem Planeten», sagt der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Climate Change CopenhagenEr malte aus, welch katastrophale Folgen schon eine Erderwärmung um zwei Grad haben könnte. Dann sei zum Beispiel das völlige Abschmelzen aller Gletscher auf dem Tibet-Plateau möglich - mit Überschwemmungen in einem Wohngebiet von zwei Milliarden Menschen. Und zwei Grad sei noch eine «ziemlich vorsichtige Annahme»

Neun Monate vor der UN-Klimakonferenz in Dänemarks Hauptstadt führte Schellnhuber am Donnerstag vor, welche Widersprüche die Klimadebatte prägen. Einerseits werden die Prognosen der Klimaforschung mit zunehmender Genauigkeit und umfassenderen Daten immer düsterer. Andererseits sind die Klimaforscher optimistisch, dass die Politiker künftig mehr gegen den Klimawandel tun werden.

In Kopenhagen trugen die Topexperten vor, dass sich der Meeresspiegel wahrscheinlich infolge der Erderwärmung doppelt so kräftig hebt wie noch vor zwei Jahren vom Weltklimarat (IPCC) angenommen.

«Man muss jetzt der Welt nicht nur die Folgen von zwei Grad Erwärmung erklären, sondern laut und deutlich sagen, was fünf Grad bedeuten», sagte der britische Ökonom Lord Nicholas Stern und nannte als Beispiel die Zahl von über einer Milliarde Klimaflüchtlingen.

Stern war durch einen extrem düsteren Klima-Rapport 2006 mit seinem Namen international bekanntgeworden, den er heute selbst als «zu optimistisch» einstuft. Nach dem Report genügt etwa ein Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts, um die Erderwärmung zu bremsen, andernfalls drohe ein weit größerer Schaden.

Schellnhuber berichtete vor seinen Kollegen, dass er vor wenigen Wochen beim letzten Klima-Briefing für die Kanzlerin die finsteren Szenarien nach dem jüngsten Forschungsstand «fast» offen dagelegt habe: «Aber ich hab der Politikerin am Ende doch Einiges erspart, was ich hier vor Wissenschaftskollegen darlegen kann.»

Der Physiker erläuterte, dass aus seiner Sicht bei einer Erwärmung des Planeten um fünf Grad kein Weg daran vorbeiführen werde, die Lebensmittelproduktion auf wenige Gebiete der Welt zu konzentrieren.

80 Prozent der bisherigen Anbauflächen müssten stillgelegt werden. «Für Politiker heute ein völlig unmöglicher Gedanke, denn da geht es ja um Territorien.» Zu den Klimaflüchtlingen aus armen Ländern hatte Schellnhuber auch einen Vorschlag an die reichen: «Wer 25 Prozent der CO2-Emissionen macht, der soll auch 25 Prozent der Flüchtlinge aufnehmen.»

Der Potsdamer Institutschef wird einer der Hauptautoren für ein 30-seitiges Papier über den aktuellen Klima-Forschungsstand auf der Basis der Kopenhagener Konferenz. Es soll den Politikern im Dezember bei ihrem Klimatreffen als Entscheidungsgrundlage dienen.

Dass deren Bereitschaft zu weitreichenden Entscheidungen im Gefolge von Finanz- und Wirtschaftskrise massiv sinken wird, fürchten weder Schellnhuber noch Stern.

«Ich sehe enorme Handlungsbereitschaft in Ländern wie Indien, China und Brasilien», meinte der Brite. Auch die neue US-Führung mit Präsident Barack Obama mache Hoffnung. Er sei trotz der schlechteren Prognosen «optimistischer als vor zwei Jahren».

Schellnhuber sieht es ähnlich: «Der ganze Skeptikerkram spielt keine Rolle mehr.» Niemand bezweifle mehr den Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und drohender Klimakatastrophe. Mit Blick auf die UN- Klimakonferenz im Dezember sagte er: «Die Botschaft der Wissenschaft ist so klar, dass die Politik keine Ausrede mehr hat».


Von Thomas Borchert, dpa

Einen Überblick über die Meldungen und Ergebnisse des Vorbereitungstreffens der Wissenschaftler 'Climate Change' in Kopenhagen finden Sie hier


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