Hamburg - Hartmut Graßl ist ein Klima-Mahner der ersten Stunde. Dass der Klimawandel heute fast überall als ernste Bedrohung gesehen wird und sich das Verhalten der Menschen ändert, ist auch sein Verdienst.
Der frühere Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg wird am Donnerstag (18. März) 70 Jahre alt. Er beriet Regierungen, arbeitete in ungezählten Ausschüssen, Beiräten und Gremien und wurde nie müde, für seine Überzeugung zu werben. Als die Zweifler in- und außerhalb der Wissenschaft noch zahlreich waren, untermauerte der Professor seine Aussagen zum Einfluss der Menschen auf das Klima und zur Gefährlichkeit dieser Entwicklung für die Menschheit immer wieder mit neuen Szenarien aus größeren und schnelleren Computern.
Zu seinem Geburtstag, den er in den Schweizer Alpen verbringt, ist Graßl trotz aller Klimasorgen auch optimistisch. «Ich bin froh, dass das Zwei-Grad-Ziel endlich allgemein anerkannt worden ist mit der Kenntnisnahme in Kopenhagen.» Viele Forscher warnen, dass es zu katastrophalen Auswirkungen kommen kann, wenn sich die Erde um mehr als zwei Grad erwärmt. «Langfristig muss die Kohlendioxidkonzentration sicherlich unter die jetzt herrschende Konzentration zurück», sagt er.
Klimakosten einrechnen
Optimistisch stimmt Graßl, dass zahlreiche Länder zunehmend erneuerbare Energien nutzen wie zum Beispiel die Windenergie. Große Probleme sieht der Wissenschaftler in der umweltverträglichen Gestaltung von Straßengüter- und Flugverkehr.
Er fordert auch, die Kosten für die Schäden durch den Klimawandel einzurechnen. Der Strom aus Kohlekraftwerken müsste daher teurer sein als bislang.
Als einer der ersten Politiker habe 1987 der damalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß die Bedeutung des Themas erkannt, berichtet Graßl. Er forderte damals die Einrichtung eines Wissenschaftlichen Klimabeirats der Bundesregierung. Dessen erster Vorsitzender wurde Graßl, der damals noch am GKSS Forschungszentrum in Geesthacht in der Nähe von Hamburg arbeitete.
Erste Hinweise auf Klimawandel bereits 1960
Der Weg des jungen Hartmut Graßl aus Salzberg bei Berchtesgaden bis zum Direktor des Weltklimaforschungsprogramms bei der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf (1994 bis 1999) war nicht vorgezeichnet. «Als mittelmäßiger bis schlechter Schüler wagte ich mich nach München zum Studium der Meteorologie, das ich nach einem sehr guten Vordiplom zugunsten der Physik aufgab», erinnert er sich. Klimaerwärmung durch das Treibhausgas Kohlendioxid sei aber schon in seinem ersten Fachsemester 1960/61 ein Thema gewesen. In den Jahren zuvor hatte er in einer Berggaststätte die Jahrbücher des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins verschlungen und so erstes geowissenschaftliches Wissen erworben.
Ein richtiges Rentnerleben führt der schlanke Mann, den die Medien oft als «Klimapapst» titulieren, allerdings auch mit 70 nicht. «Als Wissenschaftler, der das Neinsagen schlecht beherrscht, habe ich fast so viel zu tun wie vorher.» Doktoranden wollen betreut werden, dazu kommen Beratertätigkeiten für die Europäische Union, den Europäischen Forschungsrat, die Bayerische Staatsregierung und mehrere geowissenschaftliche Institute. «Ich halte viele Vorträge und bin Herausgeber einer internationalen wissenschaftlichen Zeitschrift.»
Medien müssen überzeugt werden
Graßl wird auch heute nicht müde, in den Medien für seine Überzeugungen einzutreten. In der Debatte um Fehler beim Weltklimarat forderte er Anfang Februar sogar den Rücktritt von dessen Chef Rajendra Pachauri. Er gibt immer wieder geduldig und höflich Auskunft, erklärt den Zusammenhang von Kohlendioxid und Klima auch zum hundertsten Mal. «Man muss die Talkshows erobern und Journalisten fortbilden», ist der Mann mit den weißgrauen Haarschopf überzeugt. Allerdings habe die Wissenschaft eines unterschätzt: «die fehlende Durchdringung der Medien bei solch komplexen Fragen».
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