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Mangelhafte Rohstoffpolitik - Recyclingquote für seltene Erden teilweise unter ein Prozent (05.04.2012)

Bild: Pixelio/xchohenDeutschland fehlt eine Rohstoffpolitik aus einem Guss. Aber ohne einen grundsätzlich neuen Umgang mit Rohstoffen wird die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands Schaden nehmen. Das sagt Peter Kurth, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft, BDE, eines Interessenverbands von rund 750 privaten Branchenunternehmen jeder Größe.

Politik und Wirtschaft hat der 51-jährige Jurist Ende März zur Einleitung einer Rohstoffwende in Deutschland und Europa aufgefordert. Das industrielle Wachstum und der damit bislang einhergehende steigende Rohstoffverbrauch müssten voneinander entkoppelt werden. Warum das nötig ist und wie das klappen kann, erklärt Kurth im Interview.

Herr Kurth, Sie sagen, ein neuer Umgang mit Rohstoffen entscheide über die künftige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Inwiefern?

Deutschland hat vergangenes Jahr Rohstoffe im Wert von knapp 140 Milliarden Euro eingesetzt. Wenn Rohstoffe knapper und teurer werden – und darauf deuten alle Prognosen hin – müssen wir diese Ressourcen in Zukunft viel sparsamer und effizienter einsetzen und bestmöglich wiederverwenden. Das müssen wir systematisch angehen.

Ist Deutschland denn nicht schon Recyclingweltmeister?

Das kommt immer auf die Stoffe an. Nehmen Sie zum Beispiel die Seltenen Erde, die wir für viele Hightech-Produkte brauchen: Die Recyclingquote liegt hier zum Teil unter einem Prozent, bei vielen weiteren Stoffen wie Silizium ist die Quote gar nicht fassbar.

Woher kommt das?

Das hat vor allem mit den Kosten für das Recycling zu tun. Hochwertiges Recycling ist nicht zum Nulltarif zu haben. Trotz großer Preissprünge bei den Seltenen Erden etwa rechnet sich deren Recycling noch nicht. Müllverbrennung ist oft billiger als Recycling – aber keine Alternative, die wir uns angesichts zunehmender Knappheit leisten können.

Sollen die Müllverbrennungsanlagen ihre Pforten schließen?

Nicht generell, aber die Frage ist, ob wir künftig noch so viel Müll verbrennen wollen wie bisher. Aus meiner Sicht wäre das der falsche Weg. Es gibt Studien, dass von den Elektrokleingeräten aus Privathaushalten 60 bis 70 Prozent in der Müllverbrennung landen – weil die Leute diese Geräte in den Restmüll werfen. Stimmt das, gehen jedes Jahr 15.000 Tonnen Kupfer in die Verbrennung, die wir dann versuchen müssen, über die Schlacken wiederzugewinnen. Allein diese Rohstoffverluste summieren sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag.

Was gegen akute Versorgungsengpässe bei Kupfer spricht...?

Noch sind die meisten Rohstoffe tatsächlich als Primärvorkommen verfügbar und noch bezahlbar, trotz anziehender Preise. Ihre Nutzung rechnet sich noch. Recycling rechnet sich heute erst, wenn die Politik den Rohstoffverbrauch stärker zum Kostenfaktor macht. Wo das passiert ist, hat die Industrie die Wiederverwertung verbessert: Bei Verpackungen etwa sparen wir durch die Produktverantwortung der Hersteller rund 400.000 Tonnen Material im Jahr.

Bei den meisten anderen Stoffen gibt es diese Produktverantwortung nicht.

Eben. Im Moment besteht sie nur bei Verkaufsverpackungen, alten Elektrokleingeräten und Batterien. Wer sie in den Verkehr bringt, zahlt Gebühren für ihre Sammlung und Aufbereitung. Damit haben die Hersteller ein Interesse, wenig Materialien in Verkehr zu bringen, um ihre Kosten klein zu halten. Aber diesem System können sich die Verantwortlichen leicht entziehen. Der Staat kontrolliert sie zu wenig. Deswegen fordern wir eine zentrale Stelle, die die entsprechenden Mengenströme erfasst und nachhält.

Reicht eine straffere Überwachung und Ausweitung der Produktverantwortung?

Wir brauchen auch mehr Forschung. Um zum Beispiel zu klären, wie Aluminium als Sekundärrohstoff für die nachfragende Industrie interessanter werden kann. Die Aluminiumindustrie in Nordrhein-Westfalen sagt, sie könne bis zu 80 Prozent ihrer Energiekosten einsparen, wenn sie komplett auf den Sekundärrohstoff Aluminium umschwenken könnte. Ihre Kunden müssten dazu mit dem Sekundärrohstoff genau so gut arbeiten können wie mit dem Primärrohstoff. Das könnte relativ einfach organisiert werden. Wir brauchen aber die notwendigen Rahmenbedingungen.

Die 100-prozentige Kreislaufwirtschaft – ist sie machbar?

Da bin ich skeptisch. Wir haben das Ziel, 100 Prozent der recyclingfähigen Materialien wieder in den Kreislauf zurückzuführen. Bei Massengütern wie Glas oder Papier kommen wir schon auf Recyclingquoten von 80 bis 90 Prozent. Aber wir haben auch Schadstoffe oder Verschmutzungen in den Abfallströmen, die der kompletten Kreislaufführung entgegenstehen. Die thermische Verwertung wird daher auch künftig eine Rolle spielen. Es kann aber nicht sein, dass unsere Branche gegen Überkapazitäten in der Müllverbrennung anarbeiten muss.

Müllverbrennung erschwert Recycling?

Nicht alle Stoffe sind heute gleich leicht zu recyceln. Bei Kunststoffen zum Beispiel gibt es einige, da klappt das Recycling gut. Bei anderen ist der Prozess kostspieliger. Die hohen Überkapazitäten in der Müllverbrennung von einigen Millionen Tonnen im Jahr sorgen für niedrige Verbrennungspreise. Sie liegen dadurch teilweise bei 40 bis 45 Euro pro Tonne. Kunststoffrecycling kostet ungefähr das Doppelte. Selbst bei sinkenden Kosten fürs Recycling können wir gegen diese Überkapazitäten nur schwer ankommen.

Tut die Bundesregierung genug in Sachen Rohstoffrecycling?

Wir würden uns mehr Aktivität und Konsistenz wünschen. Bei der Umsetzung der europäischen Abfallrichtlinie in das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz ist Deutschland mehrfach hinter den Möglichkeiten zurückgeblieben: So haben wir beispielsweise den von der EU-Kommission vorgeschriebenen Vorrang des Recyclings vor der Verbrennung aufgeweicht. Verspricht die Verbrennung eine bestimmte energetische Ausbeute, ist sie jetzt dem Recycling gleichgestellt. Das ist das Gegenteil von Priorität. Und die deutschen Recyclingziele für das Jahr 2020 beschreiben eigentlich den Status quo, den wir schon 2011 erreicht haben. Das ist nicht sehr ambitioniert.

Kann das neue Ressourceneffizienzprogramm ProgRess gegensteuern? Das setzt auf mehr Recycling und den Ausbau der Produktverantwortung.

Würde es konsequent umgesetzt, könnte es gegensteuern. Dem steht aber das Kreislaufwirtschaftsgesetz gegenüber. Unser Problem ist, dass die Bundesregierung relativ schnell hintereinander durchaus unterschiedliche Signale zur Rohstoffpolitik sendet. Wir würden uns eine Rohstoffpolitik aus einem Guss wünschen. Davon sind wir noch einiges entfernt.


Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung

© Bild: Pixelio/xchohen



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