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Klimaschutz: EVU als innovative Kraft gefordert (01.07.2010)

Bild: Pixelio/pgmSo manches Unternehmen und so mancher Industrieverband hat es begrüßt, dass in Kopenhagen kein neues Weltklimaabkommen zu Stande kam. Die Höhe notwendiger Klimaschutzinvestitionen und die Wettbewerbssituation lassen zahlreiche Entscheidungsträger der Wirtschaft in einer Abwehrhaltung in Sachen Klimaschutz verharren. Auch der Umbau in Richtung Erneuerbare Energien verläuft insbesondere in vielen Energieversorgungsunternehmen (EVU) mit angezogener Handbremse.

Das Scheitern von Kopenhagen scheint solch ein Denken und Handeln zu unterstützen. Zu Recht? Ich denke, dass die Risiko-Nutzen-Abwägung bezüglich Klimaschutz und Erneuerbarer Energien dies nicht rechtfertigt. Die Chancen, die dieser wohl größte Umbau seit der Industrialisierung mit sich bringt, werden noch oft unterschätzt. Und das kann so manches EVU die Existenz kosten.

Norbert Schmid Bild: PrivatDer politische Status Quo
Seit dem Klimagipfel vom Dezember 2009 hängt der Klimaschutz quasi in der Schwebe. Zwar haben sich in Kopenhagen die Staats- und Regierungschefs auf das langfristige Ziel verständigt, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Konkret in die Pflicht genommen wurde aber niemand. Die Vereinbarung wurde schließlich von der Staatengemeinschaft nicht einmal verabschiedet.

Inzwischen verzeichnen die UN mehr als 110 Länder, die sich hinter diese Vereinbarung stellen. Auch China unterstützt sie ausdrücklich, will sich aber nicht auf bindende Verpflichtungen einlassen. Mittlerweile haben die wichtigsten Länder (insgesamt 74 Länder – alle zusammen sind für mehr als 80 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich) auch freiwillig ihre nationalen Klimaschutzziele beim UN-Klimasekretariat vorgelegt.

  • Die USA möchten ihren Ausstoß im Zeitraum 2005 bis 2020 um 17 Prozent reduzieren – Voraussetzung ist, dass das erwartete Klimagesetz wie geplant in Kraft tritt.
  • Die EU hat intern bereits eine Reduktion von 20 Prozent im Zeitraum 1990 bis 2020 vereinbart; wenn genügend andere Länder mitmachen, will sie auf 30 Prozent erhöhen.
  • China will seinen Kohlendioxidausstoß langsamer steigen lassen als sein Wirtschaftswachstum. Im Vergleich zum Wirtschaftswachstum sollen die Emissionen im Zeitraum von 2005 bis 2020 um 40 bis 45 Prozent reduziert werden.
  • Indien will sich bemühen, die Emissionen von 2005 bis 2020 im Vergleich zum Wirtschaftswachstum um 20 bis 25 Prozent zu reduzieren. Es weist aber ausdrücklich auf den freiwilligen Charakter dieser Aussage hin.
  • Brasilien will im Wesentlichen die Abholzung reduzieren.

Die freiwilligen Verpflichtungen der Länder reichen nicht aus
Umweltschützer kritisierten, dass dies in der Bilanz bei weitem nicht für das Zwei-Grad-Ziel ausreicht. Nach Schätzung des scheidenden Chefs des UN-Klimasekretariats Yvo de Boer laufen die angekündigten Minderungen auf einen Temperaturanstieg von 3,5 bis 4 Grad Celsius in diesem Jahrhundert hinaus. Institute wie zum Beispiel das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) bestätigen diese Einschätzung. Auch die Autoren des kürzlich veröffentlichten Klimaforschungsberichts "The Copenhagen Diagnosis" stellen klar, dass die Industrieländer bis zum Jahr 2020 ihre Treibhausgas-Emissionen um 40 Prozent gegenüber der Menge von 1990 vermindern müssen, um „eine gute Chance zu wahren, eine gefährliche Störung des Klimasystems durch den Menschen zu vermeiden“.

Eine Pause beim Umweltschutz darf es also nicht geben und es gilt, die Weichen für den notwendigen ökologischen Umbau der Wirtschaft noch konsequenter zu stellen.

Erneuerbare Energien bilden wichtiges Standbein für EVU
Und in der Tat: Der Zug in Richtung „Klimaschutz“ rollt immer schneller und ist nicht aufzuhalten. Dies lässt sich vor allem anhand der Entwicklungen beim Ausbau von erneuerbaren Energien ablesen:
In einem Bericht zur „Emissionsbilanz erneuerbarer Energieträger“ kommt das Umweltbundesamt (UBA) zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2007 durch den Einsatz erneuerbarer Energien rund 106 Millionen Tonnen CO2 vermieden wurden. Das sind rund 12 Prozent des gesamten im Jahr 2008 erfolgten CO2-Ausstoßes in Deutschland.

Nach einer Studie der Prognos AG vom April 2010 verdoppeln sich bis 2020 die jährlichen Investitionen durch den Ausbau der erneuerbaren Energien auf über 28 Milliarden Euro. Insgesamt investiere die Branche in den nächsten zehn Jahren allein in Deutschland 235 Milliarden Euro in Anlagen zur Erzeugung von Strom, Wärme und Kraftstoffen aus erneuerbaren Energien, so die Studie.

Neue Netzstrukturen – Voraussetzung für die Energieversorgung der Zukunft
Diese Entwicklungen wiederum ziehen tiefgreifende Veränderungen bei Aufbau und Betrieb der Stromnetze nach sich. Denn es zeigt sich immer deutlicher, dass die bislang bestehende Infrastruktur den künftigen Herausforderungen nicht mehr gewachsen ist. So speisen dezentrale Energieerzeuger mit Hilfe von Windkraft-, Biogas- oder Photovoltaikanlagen immer mehr Energie in die Netze ein, was eine wesentlich komplexere Struktur, vor allem in der Lastregelung und in der Aufrechterhaltung der Netzstabilität erforderlich macht. Künftig werden auch Elektroautos dazu kommen und Zugang zum Stromnetz benötigen, um Akkus aufzuladen und gespeicherte Energie abzugeben. Mit Hilfe dieser „Smart Grids“ (intelligente Netze) lassen sich künftig aber nicht nur erneuerbare Energien klug in die Stromnetze einspeisen, sondern auch Strom dann abrufen, wenn er am billigsten ist. Nach einer Studie der Steria Mummert Consulting werden bis 2030 Investitionen in Höhe von rund 400 Milliarden Euro für neue, intelligente Stromnetze in Europa erforderlich.

Die deutschen Energieversorger laufen jedoch Gefahr, die Chancen des lukrativen Smart-Grid-Marktes zu verpassen und es ist zu befürchten, dass sie, wie schon bei den elektronischen Zählern (Smart Metering), auch bei der konkreten Ausgestaltung von Smart Grids oft lediglich auf rechtliche Anforderungen reagieren und Risiken höher bewerten als Chancen.

Die Energieversorger werden dennoch nicht umhin kommen, ihre Netzinfrastruktur in den kommenden Jahren mit Hilfe moderner Kommunikations- und Informationstechnologien komplett zu erneuern. Wollen sie Wettbewerbsvorteile erzielen, ihre Position am Markt behaupten und neue Marktpotenziale mit Hilfe von Smart Grids erschließen, dann gilt es jetzt zu handeln. Im Ergebnis müssen ganzheitliche Konzepte stehen, die pragmatisch umsetzbar und trotzdem innovativ sind.

Energieversorger sind als innovative Kraft gefragt
Und die Zeit drängt: Jeder dritte Energieversorger im deutschsprachigen Raum muss langfristig um seine Existenz bangen. Insbesondere kleinere Versorgungsunternehmen verzeichnen massive Ergebniseinbußen und sind auf kommende Herausforderungen nicht vorbereitet. Dies ist das Ergebnis einer Ende 2009 erstellten Studie von Accenture in Zusammenarbeit mit der Jacobs University Bremen, die über neun Jahre hinweg die wirtschaftliche Entwicklung von 121 Energieversorgern in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht hat.

Danach sehen die meisten Unternehmen den größten Handlungsbedarf in puncto Veränderungsfähigkeit. Neue Produkte, Dienstleistungen und Prozesse werden künftig eine zentrale Rolle spielen, um im Markt wachsen zu können. Die Öffentlichkeit erwartet von der Energiewirtschaft innovative Lösungen, insbesondere für Herausforderungen bei den Themen Klimaschutz und Energieeffizienz. Dazu gehört auch die Elektromobilität. Denn wie eine Online-Umfrage des Vebandes kommunaler Unternehmen (VKU) vom April 2010 zeigt, wünschen sich nahezu zwei Drittel der Befragten mehr Fahrzeuge mit Elektromotor auf den städtischen Straßen.

Investitionen trotz Wirtschaftkrise
Die deutschen Energieversorger zeigen sich bei Investitionen – nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Wirtschaftkrise – zurückhaltend. Eine Studie des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Climate-Mainstreaming-Projekts kommt jedoch zu dem Schluss, dass eine ambitionierte Klimapolitik, die Preisdynamik an den Rohstoffmärkten und hohe CO2-Preise den EVU in vielen Fällen zum Vorteil gereichen können. Durch die gesetzliche Förderung und die geringeren Risiken, so die Studie, erweisen sich erneuerbare Energien als Erfolg versprechende Option. Die vermehrte Investition in erneuerbare Energien sei daher als wirtschaftlich richtiger Schritt zu werten.

Hierbei zeigen sich Analogien zur Automobilindustrie. Denn eine Strategie, bei der Ökologie und Ökonomie Hand in Hand gehen, ist ohne echte Alternative – auch für Energieversorger.


Norbert Schmid

Norbert Schmid ist einer der Gründer der Internetportale co2-handel.de und klimaktiv.de und seit Jahren Experte für Zusammenhänge in Sachen Klimaschutz. Er schrieb diesen Beitrag in seiner Eigenschaft als Gesellschafter der KlimAktiv gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung des Klimaschutzes mbH



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