Atterwasch (dpa) - Der Kohleabbau frisst sich immer näher an den Bauernhof von Ulrich Schulz heran. «Seit 1500 und nen bisschen sind wir hier», sagt der Landwirt und Ortsvorsteher des Dorfes Atterwasch bei Cottbus. Er klingt resigniert. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird sein Hof abgebaggert, wie es in der Fachsprache heißt. Dutzende Meter unter dem Hof liegt eine zehn Meter dicke Braunkohleschicht. Schulz selbst setzt auf Solarenergie für seinen Hof. Er kann sicher nichts dafür, dass in Deutschland noch rund 42 Prozent des Stroms aus Kohle erzeugt werden - das ist ein fast doppelt so hoher Anteil wie Atomkraft an der Stromerzeugung hat.
Wenn Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) in Kürze sein Konzept vorlegt, wie sich der Energiemix bis 2050 entwickeln soll, wird auch Kohle erstmal noch weiter dabei sein. Umweltschützer kritisieren, dass trotz des klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoßes Konzerne wie Eon, RWE und Vattenfall massiv in diese Technik investieren und damit die Energiewende und vor allem die deutschen Klimaziele blockieren. In Deutschland befinden sich laut Greenpeace 23 Kohlekraftwerke im Bau und in Planung. «Diese Kohlekraftwerke würden jährlich mehrere Millionen Tonnen CO2 zusätzlich ausstoßen», sagt Greenpeace-Kohleexpertin Anike Peters. Wenn diese gebaut würden, werde ein falscher Weg in der Klima- und Energiepolitik zementiert.
15 andere geplante Kohlekraftwerke wurden bislang laut Greenpeace verhindert. Neben der Braunkohle spielt auch die Steinkohle weiterhin eine wichtige Rolle - aber im Ruhrgebiet stößt bitter auf, dass nach einem Beschluss der EU-Kommission statt 2018 schon im Oktober 2014 Schluss sein soll mit staatlichen Beihilfen für unrentable Steinkohlestandorte. Schon jetzt wird für Steinkohlekraftwerke die meiste Kohle importiert. 24,5 Prozent des Bruttostroms wurden 2009 aus Braunkohle gewonnen, 18,3 Prozent aus Steinkohle.
Während die Steinkohle im Ruhrgebiet zum Auslaufmodell wird, sorgen sich bei Cottbus viele Menschen neben den Klimaauswirkungen vor allem auch um die Folgen für Mensch und Natur durch die Expansion des Braunkohletagebaus. Atterwaschs' Ortsvorsteher Schulze würde gerne dem Ausbau der Kohlekraft in der Lausitz einen Riegel vorschieben. Rund 500 Rinder hat er und 40 000 Hühner. Dazu 500 Hektar bewirtschaftete Fläche. Schulz versucht, die Angst vor dem Tag X zu verdrängen. Ab etwa 2025 sollen die Orte Atterwasch, Kerkwitz und Grabko mit insgesamt 900 Einwohnern den Kohlebaggern weichen. Es wäre die größte Umsiedlung in der Lausitz seit dem Ende der DDR.
Er kenne keine rechtlichen Mittel gegen die Zwangsumsiedlung, sagt Schulze. Der Griff nach der Kohle folge schließlich einem vom Land Brandenburg so definierten übergeordneten Interesse. Den näher kommenden Förderbagger bezeichnet er als «Raubtier».
Auf der anderen Straßenseite hängt am Eingang der erstmals 1294 erwähnten Dorfkirche aus rotem Backstein ein Banner: «Unser Beitrag zum Klimaschutz: Atterwasch bleibt.» Im Vorraum lehnt ein Transparent an der Wand: «Wollt Ihr Eure Ostereier in Zukunft in der Kohlegrube suchen?» An der Straße zum knapp fünf Kilometer entfernt gelegenen Kerkwitz ist zu lesen: «Nutzt Sonne, Wasser, Wind und lasst die Menschen und Tiere, wo sie sind.»
Das Unternehmen Vattenfall betont, dass man bei Umsiedlungen sehr großzügig und im Dialog mit den Bürgern entschädige. Der Konzern hat die Region in Kataster eingeteilt, es gibt geologische Kohlevorräte für 200 Jahre. «Der Kohleausstieg ist für uns kein Thema», sagt Lutz Picard vom knapp 70 Kilometer entfernt liegenden Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe. Wann der Ausstieg möglich ist, vermag Picard nicht zu sagen, schließt Überraschungen aber nicht aus. «Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass sich die Erneuerbaren Energien so entwickeln?»
Die Energiekonzerne investieren auch in klimafreundliche Projekte wie Windparks. Warum wird aber trotz der vom Bund angestrebten deutlichen Senkung der CO2-Emissionen weiter so viel Kohle verbrannt? Der Grund ist vor allem der Preis. Kohle ist neben Atom der billigste Energieträger: Eine Kilowattstunde Strom kostet in der Erzeugung unter fünf Cent. Vattenfall beschäftigt rund 5000 Menschen in Brandenburg, zudem bringen die Kohlekraftwerke hohe Steuereinnahmen für Land und Kommunen. Der Konzern tritt in der Region vielfach als Großsponsor auf, zum Beispiel von Kulturveranstaltungen.
Die Energiekonzerne führen die Schwankungen bei Sonne und Wind als Argument an, warum grundlastfähige Kohle- und Atomkraftwerke bis auf weiteres unverzichtbar bleiben. Über neun Kühltürme werden in der Lausitz im noch zu DDR-Zeiten erbauten Kohlekraftwerk Jänschwalde pro Jahr laut Greenpeace 25 Millionen Tonnen des Klimakillers CO2 in die Atmosphäre geblasen - mehr als die Hälfte der Emissionen Schwedens. Hinzu kommen in dieser Region die Emissionen der Kraftwerke Schwarze Pumpe und Boxberg. Der Strom fließt unter anderem nach Berlin.
Vattenfall versucht der Kritik zu begegnen und will mit einer 70- Megawatt-Pilotanlage am Kraftwerk Schwarze Pumpe die CO2-Abscheidung zur Serienreife bringen. Vattenfall-Mann Picard setzt große Hoffnungen in den Testlauf. «Hier geht es um viel, es geht um die Zukunft der Braunkohleverstromung», sagt er. Bis 2015 soll auf dem Gelände des 3000-Megawatt-Kraftwerkes Jänschwalde ein Demonstrationsprojekt entstehen, um dieses CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage) genannte Verfahren im großen Stil zu testen. Das Projekt wird mit 180 Millionen Euro von der EU-Kommission gefördert.
Für das Unternehmen hat das Ganze auch finanzielle Gründe: Steigt im Zuge des Emissionshandels der Preis pro ausgestoßener Tonne CO2 auf über 30 Euro, könnte sich das CCS-Verfahren rechnen. Dann wäre es wohl billiger, abgetrenntes Kohlendioxid zu verflüssigen und im Boden zu verpressen.

