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Windbranche fürchtet nach Atom-Deal Flaute (08.09.2010)

Berlin - Hermann Albers redet ruhig. Aber seine Sorgen über das neue Energiekonzept der Regierung kann der Präsident des Bundesverbands Windenergie nicht verbergen. Warum wird in dem Gutachten, auf dem das Konzept fußt, bis 2050 von einem deutlichen Rückgang der Jahresleistung bei der Windkraft an Land ausgegangen? «Das kann nur bedeuten, dass Windkraftanlagen abgeschaltet werden sollen.» Das Ganze sei ein Schlag ins Gesicht.

Sowohl der Windverband als auch der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) befürchten durch längere Atomlaufzeiten einen Angriff auf den sogenannten Einspeisevorrang für Öko-Energien. «Wir müssen aufpassen, dass hier kein Systemwechsel stattfindet», sagt BEE- Präsident Dietmar Schütz - er warnt vor einer Zementierung des «Energie-Oligopols». Angesichts unklarer Aussichten könnten Investitionen in Ökoenergien ausbleiben.

Hermann Albers Bild: Bundesverband Windenergie (BWE)Der Leipziger Energiemanagement-Professor Thomas Bruckner kommt in der «Süddeutschen Zeitung» zu dem Ergebnis, dass 12 Jahre längere Laufzeiten RWE, Vattenfall, Eon und EnBW einen Marktanteil beim Strom von 85 Prozent bescheren werden - ohne Laufzeitplus wäre der Anteil auf 53 Prozent gesunken. Auch deshalb laufen die Stadtwerke Sturm.

In dem von der Regierung als «Revolution» gefeierten Energiekonzept wird ein Schwerpunkt auf den Bereich Offshore gelegt - also riesige Windparks zum Beispiel in der Nordsee. Doch die Krux ist nach Meinung der Verbände, dass diese überwiegend von den Konzernen wie RWE und Vattenfall geplant werden. Folglich könnten sie bei einer üppigen Windenergie-Förderung auf hoher See wieder einen Teil des Geldes reinbekommen, den sie für das Atom-Plus berappen.

«Das ist eine Kreislaufwirtschaft im schlechtesten Sinne», sagt Albers. Er ist zudem der Ansicht, dass Land-Windkraft weiter billiger in den Produktionskosten als Offshore-Windkraft ist. Die Regierung sagt, zum Ausbau von Offshore (zu deutsch: vor der Küste) müssten bis 2030 rund 75 Milliarden Euro investiert werden. Auch die Bedeutung von Onshore (an Land) wird betont, hier wird aber vor allem auf den Austausch älterer durch leistungsstärkere (Repowering) Windräder gesetzt.

Der Windenergieverband entgegnet dem, dass das Ausbaupotenzial unterbelichtet bleibe. Wenn ein Prozent der Fläche in Deutschland als Windeignungsflächen ausgewiesen würden, könnten 80 Gigawatt Leistung installiert werden, sagt Albers. Im rot-grünen Koalitionsvertrag in Nordrhein-Westfalen wurde vereinbart, 2 Prozent Fläche für Windmühlen bereit zu halten. Bayern und Baden-Württemberg sind einige der wenigen Ausnahmen, was das massive Aufstellen von Windrädern anbelangt - hier stehen aber auch die meisten Atomkraftwerke.

Im Energiegutachten wird bis 2050 nur von 36,4 Gigawatt installierter Windkraft-Leistung auf deutschen Feldern und Wiesen ausgegangen. «Das haben wir bereits in fünf Jahren erreicht», so Albers. Im Gegensatz zu Offshore sind an Land viele Mittelständler in der Windbranche engagiert. Mittlerweile arbeiten 100 000 Menschen in diesem Bereich.

Auf der grünen Wiese, etwa in Ostdeutschland, finden viele Bürger neue Jobs und die Kommunen freuen sich über neue Steuereinnahmen durch die Windparks. Zugleich - und das wird in der Branche gern verschwiegen - ist der Boom nur dank üppiger Subventionen möglich. Anteilseigner an Windparks können mit Renditen von bis zu 10 Prozent rechnen.

Der Unions-Obmann im Umweltausschuss, Josef Göppel (CSU), der sich gegen zu lange Laufzeitverlängerungen stemmt, will angesichts der Sorgen in der Ökoenergie-Branche einen Kompromiss. Er will im Atomgesetz eine regelmäßige Überprüfung festschreiben lassen, ob längere Laufzeiten weiter notwendig sind. «Wenn man die These von der Brückentechnologie ernst nimmt, kann man keine festen Kernkraft- Laufzeiten festlegen, sondern muss sie abhängig machen vom Aufwuchs der erneuerbaren Energien.»

Wachstumsbranche Windenergie in Zahlen

Die Windkraft soll in Zukunft einen Großteil des deutschen Energiebedarfs abdecken. Seit Jahren legt die Branche zu und profitiert davon, dass Länder wie China angesichts des absehbaren Endes von Kohle und Öl sowie aus Klimaschutzgründen zunehmend auf Strom aus Windkraft setzen. Ein Überblick über die Situation in Deutschland nach Zahlen des Bundesverbandes Windenergie für das Jahr 2009:

- Umsatz der Windenergieanlagenhersteller: 6,4 Milliarden Euro
- Anteil der Hersteller am weltweiten Umsatz: 17,5 Prozent
- Investitionen in Windenergieanlagen: 2,1 Milliarden Euro
- Exportquote der Anlagenhersteller aus Deutschland: 75 Prozent
- Arbeitsplätze in der Windbranche: 100 000
- Gesamte Windenergie-Kapazität in Deutschland Ende Juni 2010:
26 386 Megawatt (MW),
davon
Niedersachsen 6559 MW,
Brandenburg 4260 MW,
Sachsen-Anhalt 3402 MW,
Schleswig-Holstein 2937 MW und
Nordrhein-Westfalen 2894 MW

Weitere Zahlen zur Windenergienutzung in Deutschland per erstes Halbjahr 2010 erhalten Sie auf den Seiten des Bundesverbandes Windenergienutzung (BWE)


Von Georg Ismar, dpa



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