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Glühende Landschaften (30.05.2012)

Berlin - Die Kanzlerin setzt große Hoffnungen in die vier Männer auf dem Podium. Von den Herren über Deutschlands Stromautobahnen hängt das Gelingen der Energiewende, die Angela Merkel ausgerufen hat, entscheidend ab. So im Rampenlicht zu stehen, ist für die Chefs der Übertragungsnetzbetreiber noch ziemlich neu.

Martin Fuchs (Tennet), Rainer Joswig (TransnetBW), Klaus Kleinekorte (Amprion) und Boris Schucht (50Hertz) sind am Mittwoch dementsprechend überrascht vom riesigen Interesse, der Raum in der Berliner Bundespressekonferenz ist viel zu klein. Monatelang haben sie gerechnet und gefeilt. Am Ende stehen die Zahlen, die nun Merkels Richtschnur sind: 3800 Kilometer neue Stromautobahnen, 4400 Kilometer Optimierung im bestehenden Netz und 20 Milliarden Kosten.

Bild: Pixelio/Rainer Sturm«Hier muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen», sagt Fuchs mit Blick auf zu erwartende Bürgerproteste besonders gegen die vier großen Stromautobahnen, die von Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt aus nach Baden-Württemberg, Hessen und Bayern laufen sollen. Sie werden unter anderem bei den Atomkraftwerken Philippsburg und Grafenrheinfeld enden, da es hier die beste Infrastruktur gibt, um den Strom im Süden weiterzuverteilen. Schucht spricht von riesigen Verlängerungskabeln, die den Strom aus dem Norden bringen. Bis zum Atomausstieg im Jahr 2022 sollen die meisten Leitungen stehen.

«20 Milliarden hört sich erst einmal viel an», sagt Schucht. Letztlich sei das aber nur ein Anteil von etwa 5 Prozent an den Gesamtkosten der Energiewende - und es würden jährlich hunderte Millionen Euro für Eingriffe in das zunehmend instabile Netz gespart. Bis zum 10. Juli dürfen nun die Bürger mitreden. Bisher sind bei den Autobahnen nur die Start- und Zielpunkte klar, dazwischen ist alles grob gehalten. Es ist Sache der Politik, die Trassen festzulegen.

Es ist ein Infrastrukturprojekt wie die Deutsche Einheit. Damals sollte es blühende Landschaften geben, nun soll Deutschland mit einem neuen, hochmodernen Netz überzogen werden. Den Bayern gefällt es gar nicht, künftig abhängig vom Küstenwindstrom zu werden. Kommunen, in denen die 380-Kilovolt-Kabel verlegt werden, können je Kilometer mit mehreren zehntausend Euro an Entschädigung rechnen.

Bei 2100 der 3800 neuen Kilometer soll erstmals in Deutschland die HGÜ-Technik (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) zum Zuge kommen. Während bisher Atom- und Kohlekraftwerke dort gebaut wurden, wo die Industrie ist, verändert sich dieses Bild durch den Umstieg auf Wind- und Sonnenenergie. Da der Wind auf See und im Nordosten stärker bläst, muss der Strom über lange Distanzen in den Süden geleitet werden - und zwar wie bei einer Einbahnstraße immer in eine Richtung. Für kürzere Strecken ist das ungeeignet, weshalb auch 1700 Kilometer an neuen, klassischen Wechselstromleitungen geplant sind.

Bei der HGÜ gibt es weniger Übertragungsverluste, daher empfiehlt sie sich für große Distanzen. Kanada etwa setzt darauf. Zudem erhöht dies die Netzstabilität. «Die HGÜ ist vergleichbar mit einem ICE, der auf langer Strecke nur ein, zwei Aussteigepunkte hat», erläutert Olivier Feix vom ostdeutschen Netzbetreiber 50Hertz. Das Gebiet von 50Hertz ist mit 16 700 Megawatt an installierter Wind- und Solarleistung weltweit die Region mit der größten Ökostromdichte. Zuletzt mussten immer häufiger Windparks abgeschaltet werden, da der Strom nicht abtransportiert werden konnte. Die dafür fälligen Entschädigungen wiederum zahlen die Bürger über den Strompreis.

Insgesamt wird aber auch der Netzausbau - hinzu kommen noch schätzungsweise 25 Milliarden Euro für den Ausbau der regionalen Verteilnetze - ein Problem nicht lösen können, das bei bestimmten Unternehmen jetzt schon immer deutlicher auftritt: Die zunehmenden Netzschwankungen, wenn viel Solar- oder Windstrom in das Netz drückt.

Udo Vetter führt mit Sitz in Ravensburg ein Pharmaunternehmen, das pro Jahr 300 Millionen vorgefüllte Einwegspritzen produziert. In 20 Reinräumen muss absolute Sterilität durch gefilterte Luft im Überdruck garantiert werden. Mittels eines Gebläses wird die Luft 44 Mal in der Stunde getauscht, berichtet Vetter, der auch Vizepräsident des Verbands der Familienunternehmer ist. Wenn der Strom nur eine Millisekunde weg bleibt, sind die Anforderungen eines Reinraums nicht mehr gegeben. «Dann wandert die Tagesproduktion in den Mülleimer.»

Die Schwankungen hätten so zuggenommen, dass er für knapp zwei Millionen Euro 16 Aggregate gekauft hat, die solche Situationen nun abpuffern. 60 Mal mussten sie 2011 einspringen. «Man sollte sich wirklich mal überlegen, ob der Einspeisevorrang für regenerative Energien noch sinnvoll ist.» Deswegen würden sich Gaskraftwerke nicht rechnen und der Netzausbaubedarf sei dadurch auch viel größer und teurer. Netzausbau hin oder her, für Vetter steht fest: «Mit den Spannungsunterschieden haben wir im Industrieland Deutschland inzwischen Diaspora-Qualität, was die Energieversorgung betrifft».


Von Georg Ismar, dpa

© Bild: Pixelio/Rainer Sturm



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