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Kommentar: Anschubfinanzierung für die Energiewende wird teuer (27.06.2012)

Nun also auch RWE. Jahrelang galt beim zweitgrößten deutschen Energiekonzern öffentlich die Sprachregelung: «Solarenergie in Deutschland ist so sinnvoll wie Ananaszüchten in Alaska». Zufall oder nicht: Trotz des Feldzugs unter Konzernchef Jürgen Großmann gegen die Solarstromförderung mischt sein Nachfolger Peter Terium nun ausgerechnet auch in diesem Feld mit, denn es lohnt sich zunehmend. Und, besonders pikant: Bund und Länder wollen mit ihrem Kompromiss zur Kürzung der Solarförderung ausgerechnet jene Anlagenklasse besserstellen, in die RWE nun als Stromvermarkter einsteigen will.

Für größere Dachanlagen einigten sich Union, FDP, SPD und Grüne auf 18,50 statt 16,50 Cent je Kilowattstunde - garantiert auf 20 Jahre. RWE will im großen Stil den auf den Dächern von Möbelhäusern, Supermärkten oder Speditionen erzeugten Solarstrom vertreiben. «Es ist bekannt, dass RWE die Photovoltaik neu bewertet», sagt ein Sprecher zu einem entsprechenden Bericht der «Financial Times Deutschland». So kann der Konzern noch ein Stück vom Kuchen abbekommen.

Weil die Förderung von Solarenergie bei 52 000 Megawatt an installierter Leistung auslaufen soll, gilt es sich zu beeilen - denn derzeit sind schon 28 000 Megawatt installiert. Zwar sind bei Überschreiten jährlicher Zubauraten von 3500 Megawatt automatisch weitere Förderabsenkungen geplant, dennoch dürfte ein «Schlusskauf» die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien noch einmal stärker belasten - und damit die Strompreise der Bürger, die den Solarboom in Deutschland bezahlen.

Damit wird vor allem auch die chinesische Solarindustrie mitfinanziert, der von den Bürgern getragene Boom hat den Solarpanel-Preis purzeln lassen. Derzeit fallen mehr als sieben Milliarden Euro an Solarkosten pro Jahr an. Aber zugleich gibt es bei den Einkaufspreisen für Strom stark preisdämpfende Effekte. Und vor allem fallen keine Folgekosten durch Umweltschäden oder Entsorgungsprobleme an wie bei Kohle und Atom. Allerdings müssen rasch Stromspeicher her, damit überschüssiger Solarstrom nachts zur Stromversorgung beitragen kann.

Das Problem der Energiewende ist die hohe Anschubfinanzierung, Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) betont, das Ganze sei nicht zum Nulltarif zu haben. Nach dem Solarfieber ist ein Offshore-Boom zu erwarten, der die Strompreise weiter belasten kann. Zum Ausbau der Stromgewinnung in Windparks auf See sind hohe Vergütungen geplant, auch weil die Errichtung meist über eine Milliarde Euro kostet.

Für die ersten zwölf Jahre gibt es 15 bis 19 Cent je Kilowattstunde. Preistreibend hinzukommt, dass der Betreiber Tennet massive Probleme beim Netzanschluss von Nordsee-Parks hat, Zusatzkosten könnten ebenfalls den Strompreis über höhere Netzentgelte belasten. Windenergie ist bedeutend billiger mit rund 9 Cent je Kilowattstunde an Vergütungen. Verbraucherschützer Holger Krawinkel hält Offshore daher für einen Irrweg. Es sei viel sinnvoller, mehr Windparks in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg zu bauen. «Dadurch würde auch der Stromtransport von Nord nach Süd deutlich geringer ausfallen, und die Gesamtkosten der Energiewende wären für die Bürger niedriger.» Nicht außer Acht zu lassen ist, dass Offshoreparks am beständigsten Strom im großen Stil liefern können.

Und kriselnde Städte wie Bremerhaven bekommen ganz neue Perspektiven durch die Fertigung der Anlagen. Weit draußen auf See, verblasst dank Offshore sogar der ohnehin längst überholte Ruf Helgolands als Fuselfelsen. Die rote Nordseeinsel mutiert zu einem Zentrum der Energiewende. RWE und Eon haben hier ihre Basis eingerichtet. Und Helgolands Vorzeigehotel Atoll ist von 2013 bis 2023 komplett für Arbeiter des Unternehmens WindMW gebucht worden, die die Windparks Meerwind Süd und Meerwind Ost bauen sollen. Die sicheren Bedingungen dank des von den Bürgern über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) finanzierten Windkraft-Ausbaus locken auch Finanzinvestoren an. 80-prozentiger Gesellschafter der WindMW ist der umstrittene US-Investor Blackstone. 


Von Georg Ismar, dpa



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