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Sündenbock Tennet bei See-Windparks unter Druck (15.08.2012)

Cuxhaven/Berlin - An einer Autobahnraststätte auf dem Weg zur Nordseeküste stehen Tieflader mit den riesigen Turmteilen für die Windgiganten in der Nordsee. Ebenso warten in Häfen wie Cuxhaven Windradkomponenten darauf, per Schiff hinaus zu ihrem Bestimmungsort in der Nordsee verfrachtet und aufgestellt zu werden. Doch was bringt ein Offshore-Windpark, wenn der Netzanschluss nicht absehbar ist?

Die Probleme des staatlichen niederländischen Netzbetreibers Tennet, der 2010 das Netz des deutschen Versorgers Eon übernommen hat, sind seit langem bekannt. Das Unternehmen wurde wohl etwas überrascht von der Energiewende und der damit einhergehenden Ausbauwelle in der Nordsee. Schon ohne die hochkomplexen See-Anschlüsse ist die Operation Deutschland für Tennet eine enorme Herausforderung, schließlich verantwortet man hier ein Höchstspannungsnetz von 10 700 Kilometern Länge, drei Mal so lang wie das Netz im Heimatmarkt.

Bild: Pixelio/Karl Heinz SchackWindenergieanlagen mit einer Leistung von bis zu 10 000 Megawatt sollen bis 2020 installiert sein. Sollen. Doch Tennet mangelt es an Geld, 5,5 Milliarden Euro an Investitionen sind zwar finanziert. Wenn aber alle bisher geplanten Projekte realisiert werden, müssten weitere 15 Milliarden Euro her. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) will die Probleme an diesem Donnerstag auch mit seinem niederländischen Amtskollegen Maxime Verhagen besprechen.

Doch wegen der Wahlen im September dürfte es kurzfristig kaum mehr Geld des niederländischen Staates für sein Staatsunternehmen geben. Zumal dem Steuerzahler schwer zu vermitteln sein dürfte, in der Euro-Krise die deutsche Energiewende so in Schwung zu bringen. Bisher laufen in der Nordsee erst Windräder mit knapp 200 Megawatt Leistung.

Gerüchte, die Versicherer Allianz oder Munich Re - letzterer ist schon am Übertragungsnetzbetreiber Amprion beteiligt - stünden in den Startlöchern, um bei einem Scheitern Tennets das Netz zu übernehmen, könnten eher Wunschdenken sein. Beide Unternehmen äußern sich zu solchen Spekulationen nicht beziehungsweise zurückhaltend. Und Tennet hat bisher nach eigenen Angaben nicht die Absicht, zu verkaufen.

Doch es sind die kleinen Nadelstiche, die dem in Bayreuth beheimateten Übertragungsnetzbetreiber zusetzen - und die Geduld im Bundeswirtschaftsministerium scheint endlich zu sein. Doch bisher fehlt ein klarer Hebel für einen Betreiberwechsel. Tennet dürfte es ungelegen kommen, dass in dieser Atmosphäre als erstes Unternehmen der Projektierer Windreich wegen Verzögerungen der See-Anschlüsse ein sogenanntes Missbrauchsverfahren bei der Bundesnetzagentur gegen Tennet angestrengt hat. Im schlimmsten Fall könnte Tennet von einem Zivilgericht zu einem Schadenersatz in Millionenhöhe verurteilt werden.

Rösler hat als Schritt zur Besserung mit Umweltminister Peter Altmaier (CDU) klare Haftungsregeln für See-Windparkanschlüsse auf den Weg gebracht, um Investoren Planungssicherheit zu bieten. Wenn durch äußere Umstände die Leitungen außer Betrieb gesetzt werden, sollen demnach die Schäden per Sonderumlage weitgehend auf den allgemeinen Stromverbraucher abgewälzt werden. In diesem Fall aber müsste Tennet den Schaden alleine stemmen.

Am 12. September wird nach Angaben der Netzagentur verhandelt. «Wir wollen natürlich Erlöse aus produziertem Strom und nicht Schadenersatzerlöse», sagt der Windreich-Vorstandsvorsitzende Willi Balz. Er ist ein Offshore-Pionier, der früh das Potenzial entdeckt hat und laut eigenen Angaben 35 Prozent der Standortrechte in der Nordsee kontrolliert. Bei anderen Projekten in der Nordsee mache Tennet eine gute Arbeit, betont Balz. Bei 14 Anschlüssen sehe es gut aus, er halte nichts davon, nur auf das Unternehmen einzuschlagen.

Bei den zwei anderen bisher geplanten eigenen Projekten (MEG I und Global Tech I) sei der Netzanschluss voll im Plan. «Aber unglücklicherweise haben wir bei unserem dritten Projekt "Deutsche Bucht" klagen müssen.» Tennet habe die Errichtung der Leitungen für eine Umspannstation und die Anbindung zum Park auf unbestimmte Zeit verschoben. Der 252-Megawatt-Windpark Deutsche Bucht mit 42 Turbinen á sechs Megawatt Leistung soll eigentlich bis 2016 ans Netz gehen.

Mit Blick auf die Probleme bei Tennet verweist Balz auf die Probleme fehlender Spezialschiffe zum Bau der See-Windparks, dies sei inzwischen auch gelöst worden. Er setzt darauf, dass Investoren schon bald mutiger investieren und so die Probleme lösen helfen. «Für nur im Boden verlegte Kupferkabel neun Prozent Rendite zu bekommen, ist attraktiv», sagt er mit Blick auf Versicherer und andere Anleger. Es gebe hier in Zeiten großer Unsicherheit an den Finanzmärkten «glasklare Investmentchancen ohne erkennbares Risiko im eigenen Land».

Balz betont, auf See habe man nicht ein solches Windpotenzial- und Windschwankungsrisiko wie an Land. «Man weiß das aus den Erfahrungen von Alpha Ventus», sagt Balz mit Blick auf den ersten Offshore-Park in der Nordsee. «2011 war eigentlich kein gutes Windjahr.» Dennoch habe Alpha Ventus nur an drei Tagen keinen Strom geliefert. «Das ist grundlastfähiger als jedes Atomkraftwerk und Kohlekraftwerk, die mehr Wartungsintervalle haben.» Das Windpotenzial in der Nordsee sei einfach ein Geschenk Gottes, so Balz. Doch wenn das Potenzial nicht bald richtig genutzt werden kann, wird die Luft für Tennet dünn.


Von Georg Ismar, dpa

© Bild: Pixelio/Karl Heinz Schack



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