Jedes vierte neue Auto, das weltweit verkauft wird, stammt aus Europa. Alleine die deutsche Automobilindustrie exportiert jährlich nahezu fünf Millionen PKW in alle Welt. Europa ist damit nicht nur ein wichtiger Absatzmarkt für Fahrzeuge, sondern gleichzeitig auch Taktgeber für zukünftige technische Entwicklungen auf globaler Ebene.
Dies muss im Hinterkopf behalten, wer verstehen will, was für ein historisch wichtiger Augenblick es war, als im Jahr 2009 erstmals ein ab 2015 verpflichtender Grenzwert für den Kohlendioxid-Ausstoß neuer PKW von der EU beschlossen wurde. Dieser Grenzwert beeinflusst seither nicht nur das Emissionsniveau von Fahrzeugen auf dem europäischen Markt. Mit der Automobilindustrie als hochgradig globalisiertem Sektor geht es um die technischen Eigenschaften von Fahrzeugen weltweit.
Wer die Emissionen des weltweiten Autoverkehrs spürbar senken will, kommt deshalb an einer globalen Vernetzung nicht vorbei. Doch während die Automobilindustrie global bereits hervorragend vernetzt ist, arbeiteten die für die Abgasnormen zuständigen Behörden in Europa bisher weitgehend unabhängig von ihren z.B. amerikanischen Kollegen. Studien, die auf einer Seite des Atlantiks bereits durchgeführt wurden, fanden nur selten den Weg ins jeweils andere Land oder wurden sogar nochmals in ähnlicher form durchgeführt. Insgesamt war und ist dies eine sehr ineffiziente und zeitraubende Art der Entwicklung von Regularien – zumal ein Auto in den USA hinsichtlich der verwendeten Technologien einem europäischen Auto sehr ähnlich ist.
Unabhängige Forschungsorganisation
Genau an dieser Stelle setzt der International Council of Clean Transportation (ICCT) an. Als unabhängige Forschungsorganisation gehört er zu dem weltweiten Stiftungsnetzwerk von ClimateWorks, dem auch die European Climate Foundation angehört.
Die Mitglieder des Councils stammen aus den Ländern mit der höchsten Anzahl an Fahrzeugen, dort also, wo Umweltgesetzgebung im Verkehrsbereich die größten Auswirkungen entfalten kann. Um den Council herum ist im Laufe der Jahre eine gemeinnützige Organisation gewachsen – ein 30-köpfiges internationales Team mit Erfahrung aus Politik, Industrie und Forschung. Dieses Team trägt Statistiken zusammen, führt Studien durch und organisiert Workshops – kurz, tut alles, um die relevanten Behörden weltweit im Bereich Verkehr und Umwelt bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Finanziert wird der ICCT durch unabhängige Stiftungen, wie beispielsweise die ClimateWorks Stiftung in den USA oder die Stiftung Mercator in Europa.
Praxisbeispiel: eine globale Branche profitiert vom globalen Wissensaustausch
Der EU-Kommission steht für die Weiterentwicklung der CO2-Standards für PKW nur ein sehr begrenztes Budget zur Verfügung. Aus diesem Grund muss sich die EU-Kommission normalerweise zu einem Großteil auf Daten stützen, die von der Automobilindustrie zur Verfügung gestellt werden. Die Hersteller selbst haben jedoch tendenziell ein Interssse an konservativen Abschätzungen, was die zukünftige Machbarkeit und die damit verbundenen notwendigen Investitionen angeht.
Mit einem kleinen zeitlichen Vorsprung arbeiten derzeit auch in den USA die relevanten Behörden an einer Überarbeitung der CO2-Grenzwerkte für ÜKW. Anders jedoch als die EU-Kommission haben die drei zuständigen US-Behörden – unter ihnen die Environmental Protection Agency (EPA) – umfangreiche Mittel zur Verfügung: zusammen mehr als 50 technisch versierte Mitarbeiter, eigene Fahrzeug-Prüfstände, sowie ein Forschungsbudget von mehr als 15 Mio. US-Dollar. Diese Ausstattung erlaubt es den US-Behörden, technische Untersucherungen in großer Detailtiefe vorzunehmen. Mittels Computersimulationen wird der CO2-Ausstoß für Fahrzeuge im Jahr 2025 modelliert; neuartige Fahrzeugtechnologien werden in ihre Einzelteile zerlegt, um ihre zukünftigen Produktionskosten bei Massenfertigung zu ermitteln; virtuelle Crashtests belegen die Machbarkeit drastischer Leichtbaumaßnahmen.
Die Studien der US-Behörden folgen in ihrer Methodik den Methoden der Automobilindustrie, sind transparent und nachvollziehbar und werden von den beteiligten Akteuren anerkannt – ein wichtiger Grund für die Tatsache, dass die für den Zeitraum 2017 bis 2025 geplanten US-Standards für den CO2-Ausstoß von PKW von nahezu allen Automobilherstellern bereit heute, noch vor ihrer Verabschiedung, akzeptiert werden.
In Europa standen derartig detaillierte und objektiv ermittelte Daten aus den genannten Gründen bislang nicht zur Verfügung. Sehr wahrscheinlich hätten die US-Daten auch nie ihren Weg auf den europäischen Markt gefunden. Tatsächlich gelang es ICCT in enger Zusammenarbeit mit der European Climate Foundation und mit Unterstützung durch die ClimateWorks Stiftung sowie die Stiftung Mercator, die notwendigen Anpassungen der US-Studien vorzunehmen und für Entscheidungsträger in Europa zur Verfügung zu stellen. Dieselben Ingenieurdienstleister und Forschungsinstitute, welche für die EPA tätig waren – darunter ein Institut der Universität Aachen – wurden von ICCT beauftragt, die US-Computersimulationen und Kostenschätzungen zu überarbeiten und an den europäischen Markt anzupassen.
Eine CO2-Reduktion um die Hälfte ist möglich
Die vorläufigen Ergebnisse sind beeindruckend: Im Zeitraum von 2020 bis 2025 sind laut der Studie nahezu fünfzigprozentige CO2-Reduktionen mit Hilfe von Optimierungen konventioneller Otto- und Dieselfahrzeuge möglich. Hybridfahrzeuge ermöglichen darüber hinaus weitere deutliche Reduktionen. Die ermittelten Investitionskosten für ein durchschnittliches europäisches Fahrzeug liegen um etwa zwei Drittel unter denen, welche zuvor auf Basis von Industriedaten abgeschätzt worden waren. Unter diesen Bedingungen ist absehbar, dass sich die notwendigen Investitionen bereits nach weniger als drei Jahren für einen typischen Fahrzeugbesitzer bezahlt machen werden, denn Fahrzeuge mit niedrigen CO2-Emissionen benötigen gleichzeitig weniger Kraftstoff, was sich direkt auf den Geldbeutel eines jeden Autobesitzers auswirkt.
Die transatlantische Übertragung von technischem Wissen hat in diesem Beispiel also bereits heute dazu geführt, dass die EU-Kommission eine besser fundierte technische Basis für ihre Entscheidungen zur Verfügung hat, als es sonst der Fall gewesen wäre. Die Diskussion um zukünftige CO2-Standards für PKW ist damit ein Stück weit faktenbasierter und transparenter geworden eines der Hauptanliegen des ICCT, welcher sich selbst auch als neutraler Vermittler zwischen einzelnen Interessengruppen sieht. Der notwendige finanzielle Einsatz hierfür war relativ gering. Dadurch, dass in den USA bereits detailliertes technisches Datenmaterial zur Verfügung stand, hielten sich die Kosten in Grenzen – eine effiziente Nutzung knapper Ressourcen.
Vorstehender Beitrag entstammt der Zeitschrift Stiftung & Sponsoring, und zwar aus dem Sonderheft 2012 "Stiftungen und Klimawandel" . Wir danken Verlag und Autor für das Recht zur Veröffentlichung.
Zum Autor: Dr.-Ing. Peter Mock leitet das europäische Büro des International Council on Clean Transportation ICCT (www.theicct.org). Der Automobilexperte entwickelte das Computermodell VECTOR21, mit dem sich künftige Entwicklungen des Fahrzeugmarktes abschätzen lassen und das in einer Weiterentwicklung des DLR heute in zahlreichen Projekten zum Einsatz kommt.

Mitte Juli verursachten die Vorschläge der EU-Kommission zu künftigen CO2-Grenzwerten von PKW hohe Wellen. Denn die Automobilindustrie fürchtet Wettbewerbsnachteile, Umweltschützern sind die neuen Grenzwerte noch zu lasch. Da fällt es nicht ganz leicht, zu einem fundierten Urteil zu kommen, welche CO2-Reduktionen sinnvoll und notwendig sind. Dass Stiftungen einen Beitrag zur Versachlichung und Zielfindung leisten können, zeigt der nachfolgende Beitrag von Automobilexperte Peter Mock.