Herr Faber, die Allianz hat sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Wieso verschreibt sich die Allianz gerade diesem Ziel?
Als Versicherer sind wir doppelt betroffen: Die Schadensereignisse nehmen zu und werden gravierender, gleichzeitig wächst mit dem Risikobewusstsein und mit der wirtschaftlichen Dynamik in den Schwellenländern das Volumen versicherter Güter. Inzwischen resultieren 40% der Schäden im Allianz Industrieversicherungsgeschäft aus Naturkatastrophen. Und die Auszahlungen an Opfer von Naturkatastrophen sind in den vergangenen 30 Jahren um das 15-Fache gestiegen. Als Vermögensmanager sehen wir auch große Chancen. Nach UN-Schätzungen werden private Investoren über 80% des Geldes bereitstellen müssen, das wir für die Dekarbonisierung benötigen. Und das sind allein für den Umbau des Energiesektors jährlich zwischen 300 und 800 Mrd. EUR in den nächsten zwanzig Jahren.
Auf der 'Allianz Knowledge'-Website kann man Tipps zum Klimaschutz und Energiesparen finden. Unter anderem wird dort vorgeschlagen, Bäume zu pflanzen und nachhaltig zu reisen. Wie nachhaltig reist ein Allianzvorstand?
Das kommt auf die Zuständigkeiten des Ressorts an. Wer in der ganzen Welt Kunden und Mitarbeiter hat, muss auch persönlich ansprechbar sein und kommt um das Reisen nicht ganz herum. Dennoch versuchen wir, effizienter zu reisen, indem wir Termine regional bündeln und klimaschonende Reisemittel wählen. So haben wir unsere Flugreisen im vergangenen Jahr um 15% reduziert, während die Bahnreisen um 20% zunahmen. Auch haben wir in Videokonferenzräume investiert, die immer mehr zum Einsatz kommen.
Klimaschutz kostet Geld. Wirklich effektiv ist Klimaschutz auch nur bei einem weltweit koordinierten Vorgehen. Wird bei den Schuldenbergen der Staaten Klimaschutz überhaupt noch finanzierbar sein? Wie sehen Sie die Chancen, dass sich Länder wie die USA oder China in internationale Klimaschutzverträge einbinden lassen?
Wenn etwas nicht finanzierbar ist, dann der Verzicht auf Klimaschutz. Die Klimafolgen werden uns ein Vielfaches kosten, verglichen zu den Aufwendungen für den Klimaschutz. Zudem halte ich es für kurzsichtig und falsch, Klimaschutz primär als Kostenfaktor zu betrachten. Klimaschutz ist ein Wirtschafts- und Wachstumsfaktor für den Industriestandort Europa. Die von WWF und Allianz finanzierte Studie 'Report on Energy and Climate Policy in Europe (RECIPE)' des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung hat gezeigt, dass Europa wirtschaftlich als Early Mover profitieren würde, also unabhängig davon, wann die anderen Regionen nachziehen. Auch habe ich den Eindruck, dass beispielsweise China diese Chancen zunehmend erkennt, und die USA nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vielleicht auch.
Die asiatischen Länder wie China und Indien gelten als neue Konjunkturlokomotiven für die Weltwirtschaft. Chemie- und Autoindustrie z.B. haben es mit Hilfe ihrer Gewinne in diesen Ländern geschafft, wieder in die Gewinnzone zu kommen. Gilt das auch für ein Versicherungsunternehmen wie die Allianz? Wo sehen Sie 2010 und 2011 die Wachstumsmärkte Ihres Unternehmens?
Aufgrund der dynamischen wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung zählen die asiatischen Länder auch für die Versicherungswirtschaft zu den attraktivsten Märkten. Mit steigendem Einkommen und Vermögen nimmt die Nachfrage nach Absicherung und finanzieller Beratung überproportional zu. Zu nennen sind hier insbesondere China, Indien und Indonesien. Daneben erwarten wir jedoch auch in Brasilien und der Türkei überdurchschnittliche Wachstumsraten.
Im März 2008 haben Sie in einem Interview in der FAZ gesagt, dass diese Finanzkrise nicht in einem Quartal vorüber sein würde. Sind Sie heute, mehr als zwei Jahre später, der Ansicht, dass die Finanzkrise ausgestanden ist? Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage Deutschlands?
Tatsächlich erweist sich die wirtschaftliche Erholung in Deutschland nach den einschlägigen Indizes im Moment als recht robust. Trotzdem bin ich auch weiterhin der Auffassung, dass diese Krise noch nicht überwunden ist. Auf die Finanzkrise, die aus einer Überschuldung privater Haushalte in den USA resultierte, folgte ja eine Krise im öffentlichen Sektor. Die Politik steht nun vor der Herausforderung, den Spagat zwischen Haushaltskonsolidierung und staatlicher Wachstumspolitik zu schaffen. Wir müssen jetzt sicherstellen, dass auch nach Auslaufen der weltweiten Stimuluspakete der Aufschwung selbsttragend wird.
Deutschland hat zusammen mit den anderen EU-Staaten in einer Nacht- und Nebelaktion einen Rettungsschirm in Höhe von ca. 450 Mrd. EUR über den bedrohten europäischen Schuldnerländern aufgespannt. Mit dem Argument, den Euro retten zu müssen, wurde das Vorgehen der EU-Staaten legitimiert. Ist aber nicht gerade durch den Bruch des Stabilitätspakts (No-Bail-out) das Ansehen des Euro bei den internationalen Investoren beschädigt worden?
Der Rettungsschirm widerspricht sicher dem Geist des Maastrichter Vertrages. Angesichts der Eigendynamik an den Finanzmärkten drohte jedoch die Schuldenkrise Griechenlands zu einer Krise mit unabsehbaren Folgen für die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in Europa zu werden. Von daher war pragmatisches politisches Handeln notwendig. Das Ansehen des Euro bei internationalen Investoren wird wieder steigen, wenn es den Ländern mit hohen Haushaltsdefiziten gelingt, ihre Sparpläne umzusetzen und rasche Fortschritte bei der Konsolidierung zu erzielen. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt muss zudem erheblich gestärkt werden. Es bedarf direkter Eingriffsrechte in die Haushalte von Defizitsündern. Das Ziel ausgeglichener Haushalte sollte im Pakt klar festgeschrieben werden.
Auch die Europäische Zentralbank beteiligt sich an der Rettung der europäischen Schuldenstaaten und kauft deren Anleihen. Viele Pensionsfonds und Versicherungen haben stattdessen die entsprechenden Anleihen in ihren Portfolios reduziert. Muss man als guter Europäer in z.B. griechischen Anleihen investiert sein?
Pensionsfonds und Versicherungen müssen wie alle institutionellen Investoren ihre Anlageentscheidungen unter Risiko- und Ertragsgesichtspunkten treffen. Von daher ist weder derjenige ein schlechter Europäer, der derzeit nicht in griechischen Anleihen investiert ist, noch derjenige ein guter Europäer, der in sie investiert hat. Als gute Europäer sollten wir uns um Sachlichkeit in der Diskussion um die Schuldenkrise bemühen. Das heißt unter anderem, nicht alle Länder in den gleichen Topf zu werfen und echte Konsolidierungsanstrengungen - die in einigen hochverschuldeten Ländern zweifelsohne eingesetzt haben - auch als solche zu würdigen. Ziel aller Anstrengungen muss es sein, gute Gründe zu schaffen, dass private Investoren auf dem heutigen Niveau europäische Anleihen wieder als Investmentchance betrachten.
Die EZB wie auch die amerikanische Notenbank haben die Zinssätze auf ein historisch niedriges Niveau gesenkt und beabsichtigen, sie dort noch eine Weile zu halten. Ist dies ökonomisch richtig? Was bedeutet das für die Versicherungen, die ihren Kunden Garantiezinssätze zugesagt haben?
Zwar stimuliert eine Niedrigzinspolitik den wirtschaftlichen Aufschwung, birgt aber auf Dauer die Gefahr, dass mit Hilfe des billigen Geldes neue Blasen erzeugt werden, die in keiner Weise die Entwicklungen der Realwirtschaft widerspiegeln. Deswegen müssen die Zentralbanken irgendwann mit dem Exit beginnen, auch wenn das richtige Timing dafür nicht ganz einfach ist. Ein anhaltend niedriges Zinsniveau betrifft ohne Zweifel auch unsere Branche. Allerdings sollte es den Versicherern in Deutschland gelingen, den Garantiezins von derzeit 2,25% sicher zu erwirtschaften, auch wenn dieser bei den Altverträgen höher liegt. Selbst eine weiter andauernde Niedrigzinsphase dürfte ohne größere Probleme durchzuhalten sein.
Ist die Anlageform 'Aktie' für Versicherer nach Solvency II noch interessant? Welche Verbesserungen wünschen Sie sich?
Seitens der Versicherungswirtschaft wurde massive Überzeugungsarbeit geleistet, um eine angemessene Berücksichtigung von Aktienkursrisiken zu erzielen. Hierbei ist es gelungen, die Assekuranz als Kapitalgeber der Wirtschaft zu erhalten. So wurde ein sog. Aktiendämpfer-Mechanismus eingeführt, der eine antizyklische Wirkung auf die Volatilität der Bewertung von Aktienportfolien entfalten soll. Es ist darauf zu achten, dass diese für das Aktieninvestment positive Entwicklung nicht bei künftigen Konsultationen von CEIOPS oder der Kommission wieder zurückgedreht wird.
Begleitet wurden die europäischen Rettungsmaßnahmen in Deutschland von einer Anzahl von Regulierungsmaßnahmen wie z.B. dem Einführen eines umfassenden Leerverkaufsverbots. Hierfür ist Deutschland weltweit kritisiert worden. Zu Recht?
Sicherlich wäre eine international abgestimmte Regelung gegenüber dem deutschen Alleingang vorzugswürdig gewesen. Das scheint aber wegen des Widerstands einzelner Staaten nach wie vor nicht durchsetzbar. Dabei hat sich gezeigt, dass ungedeckte Leerverkäufe gerade in Verbindung mit der Streuung von Marktgerüchten in Krisenzeiten zu erheblichen Marktverwerfungen führen können. Von den Maßnahmen in Deutschland erhoffen wir uns Signalwirkung, um in absehbarer Zeit zumindest eine EU-weit einheitliche Regelung erreichen zu können.
Welches wären Ihrer Meinung nach die richtigen Maßnahmen, die man ergreifen müsste, um für zukünftige Krisen besser gewappnet zu sein?
Generell gilt es, mehr Transparenz auf dem Kapitalmarkt zu schaffen. Ein Augenmerk sollte insbesondere auf die sehr großen und undurchsichtigen Derivatemärkte gelegt werden. Das heißt nicht zwingend, dass es mehr Regulierung bedarf. Viel wichtiger ist es, die richtigen Ansätze für verstärkte Transparenz zu setzen. Nur so können die Kapitalmärkte die Funktionen erfüllen, für die wir sie dringend brauchen. Dabei sind international harmonisierte Lösungen nötig, um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern.
Aufgrund der schlechten finanziellen Situation einiger europäischer Länder haben die amerikanischen Ratingagenturen begonnen, die Bonitätsnoten einzelner Staaten zu senken. Daraufhin wurde der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur laut. Brauchen wir eine solche? Würde sie in der jetzigen Situation helfen?
Aus unserer Sicht sollte weniger die Frage einer europäischen oder einer amerikanischen Ratingagentur im Fokus stehen. Vielmehr müssen Qualität und Verlässlichkeit von Ratings unabhängig vom Standort gesichert sein. Wir müssen sicherstellen, dass die Schwachstellen von Ratingprozessen, die die Finanzmarktkrise aufgedeckt hat, behoben werden. Dazu ist an erster Stelle eine Verbesserung der Aufsicht erforderlich. Die geplante europäische Aufsicht allein wird für global agierende Ratingagenturen in globalen Kapitalmärkten nicht ausreichen. Zusammenarbeit und Transparenz sind entscheidend. An zweiter Stelle steht die Bekämpfung von Interessenkonflikten, die sich aus den Ratingprozessen selbst ergeben.
Herr Faber, Sie haben einmal gesagt: 'Die Deutschen sind Weltmeister im Sparen, auch Weltmeister im Spekulieren, nur nicht darin, richtig zu investieren.' Wie sollen die Deutschen in der aktuellen Situation denn richtig investieren?
Das kann man natürlich nicht pauschalisieren. Investitionsentscheidungen hängen von sehr individuellen Komponenten wie dem Alter oder der persönlichen Risikoneigung ab. In der Tat ist der Aktienanteil am Vermögen privater Haushalte in Deutschland in den letzten Jahren gesunken. Dazu hat der Verlust von Vertrauen in die Kapitalmärkte leider auch beigetragen. Trotzdem möchte ich gerade junge Menschen ermutigen, einen Teil ihres Vermögens langfristig in Aktien zu investieren, da hier das Chancen-/ Risiko-Verhältnis nach wie vor sehr gut ist. Traditionell haben deutsche Investoren auch einen sogenannten 'Home Bias', d.h. sie investieren den weitaus größten Teil ihres Vermögens in deutsche oder europäische Titel. Angesichts des deutlichen Wachstumsunterschieds zwischen Europa und den USA auf der einen und den Schwellenländern auf der anderen Seite muss hier ein radikales Umdenken erfolgen. Es ist aber wichtig, Risiken zu diversifizieren und nicht alles auf eine Karte zu setzen.

Seit der Jahrtausendwende ist Joachim Faber Vorstandsmitglied der Allianz SE mit Zuständigkeitsbereich Asset Management World Wide. In einem Interview mit dem Finanzplatz erläutert er die Bedeutung des Themas Klimaschutz für den Versicherungskonzern, spricht über die Aktie als Anlageform und fordert mehr Sachlichkeit in der Diskussion um die Schuldenkrise.