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Interview: ´Wir brauchen einen Markt für Energieffizienz` (28.07.2011)

Felix Christian Matthes Bild: Böll Stiftung/Stephan Roehl CC2.0Deutschland steigt aus der Atomenergie aus. Wie die wegfallenden Strommengen und Kraftwerksleistungen ausgeglichen werden können, hat der Energieexperte Felix Matthes für die von der Bundesregierung berufene Ethik-Kommission Sichere Energieversorgung untersucht. Der promovierte
Politikwissenschaftler und diplomierte Elektroingenieur arbeitet als Forschungs-Koordinator Energie- und Klimapolitik für das Öko-Institut und war unter anderem von 2000 bis 2002 Mitglied in der Enquete-Kommission „Nachhaltige Energieversorgung“ des Deutschen Bundestages. 

Im Auftrag der Ethik-Kommission hat Matthes gemeinsam mit dem Energieexperten Hans-Joachim Ziesing ein Einstiegsprogramm in die kernkraftfreie Energieversorgung erarbeitet, das den deutschen Atomausstieg flankieren kann. Der Ausstieg aus der Atomkraft, sagt er im Interview, gefährde weder die Versorgungssicherheit noch die Klimaschutzziele. Es gebe viele Optionen, mit denen die Politik die wegfallenden Strommengen ausgleichen könne.

Herr Dr. Matthes, Deutschlands Verzicht auf Atomstrom führt Ihrem Gutachten zufolge nicht zu gravierenden Problemen für Energiesicherheit und Klimaschutz. Sie sagen, dafür sorgen existierende Marktmechanismen. Was meinen Sie damit?

Der Kraftwerkspark unterliegt den Gesetzmäßigkeiten des Strommarktes. Und auch dieser Markt reagiert auf ein verändertes Angebot mit veränderten Preisen. Dadurch können Anreize entstehen, nicht nukleare Kraftwerke stärker auszulasten oder in neue Kraftwerke zu investieren.

Das heißt, Strom wird teurer und bringt den Kraftwerksbetreibern mehr ein, wodurch sich der Bau neuer Anlagen oder die stärkere Auslastung anderer Anlagen eher lohnt?

Genau. Und dadurch wird der Strom dann auch wieder billiger. Ein ähnlicher Mechanismus wirkt über das Europäische Emissionshandelssystem (EU ETS) auch beim Klimaschutz. Das ETS schreibt CO2-Ziele vor. Wenn ein Kraftwerk mehr CO2 ausstößt, muss eine andere vom ETS erfasste Anlage zwingend weniger emittieren. Deswegen sind weder der Klimaschutz noch die Versorgungssicherheit in Gefahr. Die Frage ist, ob man sich in der längeren Frist ausschließlich auf diese Mechanismen verlassen sollte.

Welche Optionen hat Deutschland?

Aus unserer Sicht gibt es vier Hauptoptionen, die langfristig tragen können: Die erste ist der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung. Das ist eine sehr umweltfreundliche und ressourcensparende Technik, für die wir etablierte Förderinstrumente haben und die mit geringem Mitteleinsatz bis zu 10.000 Megawatt gesicherte Kraftwerksleistung ans Netz bringen könnte. Das entspräche der Hälfte der Kraftwerksleistung, die mit den insgesamt abzuschaltenden Kernkraftwerken fehlen würde. Die zweite Option ist die Neugestaltung der Förderung des Stroms aus Biomasse: Weg von einer Förderung, die zum Bau kleiner Kraftwerkskapazitäten führt, die möglichst viele Stunden im Jahr ausgelastet werden. Das ist in Zeiten, in denen gesicherte Leistung benötigt wird, nicht sinnvoll. Wir müssen zu einer Förderung gelangen, die möglichst große Biomasse-Kraftwerksleistungen ans Netz bringt, die aber nicht immer abgerufen werden müssen. Die dritte Option besteht aus mehr Energieeffizienz und der gezielten Beeinflussung von Verbrauchsspitzen. Die Vierte ein sogenannter selektiver Kapazitätsmechanismus, mit dem wir noch mal Kraftwerkskapazitäten in der Größenordnung von 5.000 bis 7.000 Megawatt in den Markt bringen können, wenn nötig.

Ein selektiver Kapazitätsmechanismus?

Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Schaffung eines neuen Marktsegments. Heute werden auf dem Strommarkt nur Kilowattstunden verkauft. Wir schlagen vor, zusätzlich ein Marktsegment zu etablieren, auf dem auch neue Kraftwerkskapazitäten Einkommen erzeugen. Energie aus Sonne und Wind drückt den Strompreis auf den Großhandelsmärkten nach unten, wodurch Investitionen in neue Stromerzeugungsanlagen unattraktiv werden, wenn nur die Kilowattstunde vergütet wird. Wenn auch neue Stromerzeugungskapazitäten vergütet werden, entsteht ein zusätzlicher Markt für Versorgungssicherheit, den wir langfristig brauchen werden, auch für erneuerbare Energien.

Sie nannten als eine Option die Steigerung der Energieeffizienz. Was muss passieren, um den Stromverbrauch in Deutschland zu drosseln?

Wir schlagen in unserem Gutachten ausgewählte Energieeffizienzpakete vor, zum Beispiel den Austausch von Heizungs- oder Warmwasserzirkulationspumpen oder den Austausch von Leuchten im Gewerbe. Außerdem ein Programm für einkommensschwache Haushalte, damit sie mit Kleinkrediten effiziente Kühlgeräte anschaffen können. Die daraus entstehenden Energiespareffekte kann man vergleichsweise gut kalkulieren. Die Schlüsselinnovation wird aber darin bestehen, die Nachfrage nach mehr Energieeffizienz zu erzeugen. Dafür eignen sich unserer Überzeugung nach sogenannte „Weiße Zertifikate“.

Worum geht es dabei?

In einem Handelssystem für „Weiße Zertifikate“ würde jeder Anbieter, der Energie verkauft, zum Kauf von Energiesparmaßnahmen aus zuvor festgelegten Energiesparprogrammen verpflichtet. Nachgewiesen würde die Umsetzung dieser Maßnahmen über diese „Weißen Zertifikate“. Diese können erzeugt werden durch Maßnahmen von Energieversorgern, aber auch von Handwerkern, Ingenieurbüros oder anderen Unternehmen. Jeder Energieversorger müsste eine bestimmte Menge „Weiße Zertifikate“ kaufen. Durch die Verpflichtung hätte man eine Nachfrage nach Energieeffizienz auf Seiten der Energieanbieter. So könnte ein dezentraler Suchprozess nach neuen Möglichkeiten zur Einsparung initiiert werden. Es würde sich ein eigenes Segment eines Energieeffizienzmarktes bilden.

Und was kostet den Staat eine solche Effizienzoffensive?

Überhaupt nichts. Das Schöne an diesen Programmen ist, dass sie über die „Weißen Zertifikate bezahlt würden. Die Zertifikate würden nachgefragt von Energieversorgungsunternehmen…

…denen dadurch Kosten entstünden.

Die Kosten werden sie auf die Stromkunden umlegen. Aber durch die höheren Energieeinsparungen vermeiden die Kunden gleichzeitig Ausgaben, gleichzeitig wirken Energieeinsparungen im Strommarkt dämpfend auf die Preise. Nach allen Berechnungen halten sich Mehrkosten und Einsparungen solcher Programme die Waage. Und: Mehr Energieeffizienz verlangt eine verlässliche und stetige Finanzierung, die den öffentlichen Haushalten nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr möglich ist. Deswegen brauchen wir eine andere Finanzierungsgrundlage. Mehr Effizienz ist kein Kostentreiber. Trotzdem wird die Energiewende etwas Geld kosten – die Ausweitung der Kraft-Wärme-Kopplung zum Beispiel, die Förderung erneuerbarer Energien oder der nötige Ausbau der Stromnetze.

Auf welche Mehrkosten muss sich ein Haushalt in Deutschland einstellen?

In unserem Gutachten haben wir das nicht berechnet. Nach Kalkulation des Öko-Instituts aber werden bei einem typischen Haushalt mit einem Verbrauch von 3.000 Kilowattstunden übers Jahr weniger als 100 Euro Mehrkosten anfallen. Die Gegenleistung dafür ist ein sicheres Stromversorgungssystem, das sich in Richtung CO2-Neutralität bewegt und ohne Kernkraft auskommt. Aber auch ein „Weiter so“ würde ja im Zeitalter steigender Preise für fossile Brennstoffe keineswegs billiger.

Importiert Deutschland jetzt mehr Strom aus nuklearen oder fossilen Quellen aus anderen europäischen Ländern? Und wie ist das zu bewerten?

Wir können gut nachweisen, dass Deutschland derzeit keinen zusätzlichen Atomstrom importiert. Darauf weisen unter anderem die sogenannten Transparenzdaten hin. Die Daten zeigen, welche Kraftwerke wie viel Strom produziert haben. Und aus deren Auswertung wissen wir, dass französische Kernkraftwerke zuletzt nicht stärker ausgelastet worden sind. Ein zweiter Beleg sind die CO2-Preise: Wenn die ausfallende deutsche Atomstromproduktion durch tschechische oder französische Kernkraftwerke ersetzt worden wäre, hätte der CO2-Preis nicht steigen dürfen. Er stieg aber, was zeigt, dass fossile Kohle- und Gaskraftwerke angeworfen worden sind. Der Klimaschutz ist dadurch nicht in Gefahr. Zwar stammt der Strom aus fossilen, teilweise CO2-intensiven Kraftwerken. Gleichzeitig stieg aber der Preis für CO2 im EU-Emissionshandelssystem um etwa 1,5 Euro pro Tonne CO2, was an anderer Stelle im System zu zusätzlichen CO2-Einsparungen führt. Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie wird sich im europäischen Strom- und CO2-Markt ein neues Gleichgewicht einpendeln, zum Netto-Stromimporteur wird Deutschland deshalb aber nicht. Der Ausstieg ist notwendig, machbar und verantwortbar.

Weitere Informationen finden Sie unter nachhaltigkeitsrat.de


Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung

© Felix Christian Matthes Bild: Böll Stiftung/Stephan Roehl CC2.0



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