Herr Junge, Sie beraten Unternehmen, wie sie Energie sparen können und wollen sich trotzdem nicht Energieberater nennen. Warum?
Der Begriff Energieberater hat sich mittlerweile fast zu einem „Schimpfwort“ entwickelt, weil gerade in Industrieunternehmen jeden Tag neue Energieberater anrufen und Versprechungen machen, die sie nicht halten können.
Der Begriff kommt auch eher aus der Beratung für den Wohnungsbau und für die Industrie sind ganz andere Anforderungen notwendig.
Aber auch die Erwartungen seitens der Unternehmen sind manchmal abenteuerlich, wenn sie denken, dass ein Berater vorgefertigte Blaupausen mitbringt. Das ist gar nicht sinnvoll, weil sich solche Blaupausen oft nur schwer umsetzen lassen. Und wenn sich Unternehmen auf solche Vorschläge einlassen, ist der „Energieberater“ meist nicht mehr da und der Betrieb muss schauen, wie er zurande kommt. Da haben wir einen höheren Anspruch und begleiten das Unternehmen individuell von der Analyse über das Konzept bis zur Umsetzung.
Das heißt, Effizienzberatungen haben Energieeinsparungen zum Ziel und müssen trotzdem ganzheitlich angegangen werden?
Nur wenn der Betrieb ganzheitlich betrachtet wird, kann man erfolgreich sein. Wer nur auf die Low-Hanging-Fruits setzt, hat zwar kurzfristig Erfolg, wird aber nicht das gesamte Potenzial ausschöpfen können. Man muss den Produktionsprozess ins Zentrum stellen und nicht nur Querschnittstechnologien.
Wie gehen Sie vor?
Na ja, gehen wir einfach mal von einer klassischen Energieeffizienzanalyse aus. Schritt eins ist immer eine umfassende Datenaufnahme, um den Ist-Zustand der Produktion bezüglich der benötigten Energiemedien und –mengen zu analysieren. Schritt zwei: Darauf aufbauend folgt die Potenzialidentifikation, um konkrete Einsparpotenziale in der Produktion zu identifizieren. Die hohe Komplexität vieler Anlagen und Prozesse, sowie deren Wechselwirkungen, erfordern danach ggf. eine Simulation der Energieflüsse, um die Transparenz sowie das Verständnis von Anlagen zu erhöhen. Im dritten Schritt werden Maßnahmen entwickelt und einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung unterzogen. Als vierter und letzter Schritt erfolgt dann die Umsetzung der erarbeitenden Energieeffizienzmaßnahmen, die wir planerisch begleiten.
Nehmen wir als Beispiel ein Industrieunternehmen, das die Energieeffizienz in der Produktion steigern möchten. Wie intensiv ist Ihre Analyse?
Wir gehen da ins Detail. Natürlich haben die Unternehmen von ihren Prozessen mehr Wissen als jeder Externe, aber wir sind schon in der Lage, dort mit zu diskutieren und haben in einer Vielzahl von Branchen auch Detailwissen. Sonst werden wir in den Unternehmen gar nicht ernst genommen.
Und dann geht es darum, nicht nur an der Oberfläche zu kratzen und ein schnelles Konzept zu erstellen, sondern wir versuchen, auch alle späteren Hürden schon vorweg zu identifizieren und Lösungen zu finden. Dazu ist es besonders wichtig, alle Beteiligten im Unternehmen mit einzubinden. Nur so erreicht man akzeptierte und gute Lösungen.
Gut, Sie haben die Einsparpotentiale aufgezeigt und dann? Begleiten Sie den Kunden bei der Umsetzung?
Natürlich, das ist ganz wichtig, denn uns interessieren umgesetzte Projekte und nicht Potenziallisten. Und da ist es wichtig, dass derjenige, der das Konzept entwickelt hat, auch bis zum Ende dabei ist. Denn nur derjenige weiß, warum manche Details genauso umgesetzt werden müssen. Wechseln die Beteiligten innerhalb des Umsetzungsprozesses, werden häufig kleine Details geändert und das kann fatal sein. Dann denken die Leute, sie könnten Details ändern und so den Prozess vereinfachen und hinterher wundert man sich, warum die vorher berechneten Ziele nicht erreicht werden.
Gibt es für Sie eine Priorisierung der Maßnahmen, die Sie empfehlen?
Oh ja, das ist ganz wichtig! Kein Unternehmen hat die Ressourcen, alles gleichzeitig anzugehen und natürlich will man anfangs schnelle Erfolge. Das unterstützen wir, weil das für aufwendigere aber nicht weniger lohnende Umsetzungen motiviert.
Grundsätzlich versuchen wir immer eine Priorisierung entlang des Investitionsbedarfs. Also erst Maßnahmen ohne Investition, das sind häufig organisatorische Ansätze. Zweitens Maßnahmen mit geringem Investitionsbedarf, also kleinen Umbauten. Und wenn dann das Vertrauen in unsere Zusammenarbeit und die Erfolgszuversicht gestiegen ist, dann drittens Maßnahmen, die höhere Investition erforderlich machen. Das wird natürlich individuell für jedes Unternehmen ausgearbeitet.
Haben Sie ein Beispiel?
Ja. Häufig ist es interessant, durch intelligente Steuerungen Energieeffizienzpotenziale zu erschließen. Bei Lüftungsanlagen beispielsweise wird meist die Wechselwirkung zwischen der Produktion und Gebäudetechnik vernachlässigt. Eine selbstoptimierende Steuerung erkennt solche Potenziale und steuert das System bedarfsgerecht. Bei einem Kunden aus der Lebensmittelbranche konnten so zwischen 30 und 40 Prozent je Halle eingespart werden. Die Amortisationszeit dafür liegt unter einem Jahr. Das ist doch beachtlich, oder?
Mittlerweile haben wir dafür ein eigenes System entwickelt, um diese Potenziale zu erschließen.
Stichwort Amortisationszeiten. Viele Fachleute klagen, dass selbst Maßnahmen, die sich innerhalb zwei bis drei Jahren amortisieren, nicht angegangen werden. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Das ist unterschiedlich von Betrieb zu Betrieb. Aber es gibt viele Unternehmen, da ist die Grenze irgendwo zwischen 18 Monaten und 2 Jahren. Und selbst da sind häufig nicht die Kapazitäten vorhanden, alle Potenziale sofort anzugehen.
Zumindest unsere Kunden akzeptieren auch schon mal längere Amortisationszeiten, das sind ja aber auch die Kunden, die das Thema Effizienz angehen. Insgesamt braucht das wohl noch Zeit und die Unternehmen müssen umdenken. Wichtig wäre, mehr auf die Rendite, also die interne Verzinsung zu achten, statt nur auf Amortisationszeiten. Die interne Verzinsung ist viel aussagekräftiger bei der Entscheidung, in welcher Reihenfolge Maßnahmen angegangen werden sollten.
Wie würden Sie das aus Ihrer Praxis einschätzen: Wie aufgeschlossen sind deutsche Unternehmen für Effizienzmaßnahmen?
Na ja, in vielen Unternehmen kommt das Argument „Energieeffizienz machen wir schon immer und da sind wir gut aufgestellt“. Und das ist ein Totschlag-Argument. Und gerade bei solchen Unternehmen entdeckt man schon mal enorme Potenziale. Aber da kommt man dann nicht ran.
Am liebsten soll man als Berater schon im Besprechungsraum Einsparpotenziale und Amortisationszeiten nennen. Das machen wir aber nicht, das ist unseriös. Wir leisten aber Ingenieurarbeit und brauchen als Grundlage individuelle Analysen. Wir sind keine Wahrsager.
Haben Sie denn für interessierte Unternehmen einen Rat, wie diese bei der Auswahl von Beratungsunternehmen vorgehen können?
Schauen Sie, was an Referenzen schon da ist und ob die Denkweise zu denen des Unternehmens passt. Und vertrauen Sie nicht auf Versprechen, bevor Prozesse detaillierter angeschaut wurden.
Die Energiewende steht auf zwei Beinen, dem Umbau auf Erneuerbare Energien und der Steigerung der Energieeffizienz. Was finden Sie wichtiger?
Na ja, wichtig sind beide. Keines allein kann die Energiewende schaffen. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass die Energieeffizienz fast das wichtigere Element ist. Es wurde bloß bisher fast sträflich vernachlässigt. Dabei verbirgt sich hier eine sehr hoche Wirtschaftlichkeit. Und wir steigern so noch die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen.
Welche Tipps geben Sie den Unternehmen? Wie muss man vorgehen, um den "Schatz" Energieeffizienz heben?
Die Unternehmen sollten sich im Bereich Energie und Energieeffizienzsteigerung Ziele setzen, denen sie nachgehen möchten. Dafür werden natürlich Ressourcen benötigt, die von der obersten Entscheidungsebene freigestellt werden müssen.
Zusammenfassend würde ich sagen, dass diese Herangehensweise prädestiniert ist für ein Energiemanagementsystem. Wenn dieses im Unternehmen gelebt wird, trägt sich der Aufwand über die Einsparungen von selbst.
Dr.-Ing. Mark Junge ist Geschäftsführer der Limón GmbH (www.limon-gmbh.de). Gegründet wurde Limón als spin-off der Universität Kassel und bei Bedarf arbeitet man bis heute eng zusammen, um Lösungen für individuelle branchenunabhängigen Aufgabenstellungen zu finden, die auf neuen Ansätzen basieren. Seit 2010 ist Limón Partner im Hessischen Leitprojekt für Energieeffizienz („HIER! – Hessen Innovation für Energie & Ressourceneffizienz“).

