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Schellnhuber berichtet Vereinten Nationen über Kippelemente und Budgetansatz (08.11.2009)

Prof. Hans-Joachim Schellnhuber Quelle: PIK„Das Zeitfenster, innerhalb dessen wir die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels noch abwenden können, schließt sich zusehends“, sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“, am Montag in einem Vortrag im Sitz der Vereinten Nationen in New York. Die Fachsitzung wurde von der UN-Abteilung für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten ausgerichtet.

„Das Klimasystem beginnt, den Bereich der historischen Erfahrung zu verlassen“, sagte der Physiker den Teilnehmern, darunter Botschafter, Agenturleiter, leitende Vertreter von UN-Organisationen, der Zivilgesellschaft und US-amerikanischen und internationalen Organisationen.

Außerhalb dieses Bereichs erhöhe sich das Risiko nicht-linearer Veränderungen der Umweltbedingungen wesentlich, die den Lebensunterhalt von Millionen Menschen weltweit gefährdeten. Erdsystemforscher begännen erst, die Grenzen des sicheren planetarischen Umweltraums zu verstehen, in dem Menschen leben und wirtschaften können, ohne die Lebensgrundlagen künftiger Generationen zu vernichten. Die heutige Konzentration von Kohlendioxid liege mit etwa 387 Volumenanteilen pro Million (ppm) bereits über dem ‚sicheren’ Grenzwert von 350 ppm, den Forscher kürzlich im renommierten Wissenschaftsmagazin „Nature“ vorgeschlagen haben. Die Konzentration sei deutlich höher als die vorindustriellen Werte um 280 ppm und übersteige die Werte aus Jahrmillionen zuvor.

Eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celsius gilt als „gefährliche Störung“ des Klimasystems, die daher vermieden werden müsse. Die Europäische Union, die G8-Staaten und mehr als einhundert weitere Länder haben daher die 2°-Leitplanke als Klimaschutzziel gesetzt. Gelänge es nicht, die globale Erwärmung darauf zu begrenzen, könnte sie wichtige Prozesse im Klimasystem der Erde über kritische Grenzen hinaus belasten, sodass sie „kippen“ und von da an grundsätzlich anders ablaufen. Klimaforscher sehen das arktische Meereis und den Grönländischen Eisschild als besonders anfällig an. Andere Kippelemente wie der Amazonas-Regenwald, Monsunsysteme oder das El-Niño-Phänomen könnten die Gesellschaft überraschen, indem sie naheliegende Kipppunkte offenbarten.

Der Budgetansatz:
Um das Risiko abrupter Veränderungen im Erdsystem zu mindern und die globale Erwärmung bei maximal zwei Grad Celsius zu stoppen, dürften weltweit zwischen 2010 und 2050 nicht mehr als 750 Gigatonnen Kohlendioxid durch die Verbrennung von Öl, Kohl und Gas sowie die Rodung von Wäldern freigesetzt werden. Da vor allem die Industrienationen bereits große Mengen Treibhausgase produziert, seien das Restbudget klein und umfangreiche Reduzierungen in naher Zukunft notwendig. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ hat vorgeschlagen, bei Überlegungen zu einem neuen globalen Klimaabkommen diesen Budgetansatz zu verfolgen. Verhandlungen darüber stehen auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember an.

Auf einem Nobelpreisträger-Symposium mit Experten auf den Gebieten der Erdwissenschaften, Ökonomie und Politik, das im Frühjahr im Londoner St James’s Palace stattfand, unterzeichneten die Teilnehmer ein Memorandum, in dem sie einen globalen Pakt für den Klimaschutz fordern, welcher den Ausmaßen und Dringlichkeiten der heutigen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Krisen gerecht wird. Politik und Wissenschaft werden darin aufgerufen, gemeinsam mit Industrie und Zivilgesellschaft die historische Chance zu nutzen, unsere Kohlenstoff-intensive Wirtschaftsweise durch eine nachhaltige und gerechtere zu ersetzen. „Wir müssen die unerbittliche Dringlichkeit des Jetzt begreifen“, zitierte Schellnhuber aus dem Memorandum.

Webcast und Präsentationsunterlagen
http://www.un.org/esa/dsd/dsd_aofw_cc/cc_briefing1109.shtml


Quelle: Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK)



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