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Klimafreundlich kaufen: Der lange Weg zum «Nachhaltigkeitssiegel» (13.01.2010)

Bild: Pixelio/pgmBerlin - Ratlosigkeit vor dem Getränkeregal: Kauft man als klimabewusster Verbraucher nun den konventionellen Apfelsaft aus der Region? Oder doch besser den Bio-Apfelsaft, der allerdings zuvor aus Bayern nach Berlin gekarrt wurde? Immer mehr Menschen wünschen sich Informationen über die Klimafreundlichkeit des Kaffees oder des Tiefkühlspinats, den sie nach Hause tragen - einer Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbands zufolge sind 82 Prozent für eine Kennzeichnung mit Hinweisen über die Klimawirkung von Lebensmitteln.

Doch der Weg zu einem verbindlichen «Klimasiegel» ist noch weit. Denn: Was genau sollte es idealerweise abbilden?

Angesichts der Klimaerwärmung zuvorderst natürlich: Die CO2-Menge, die ein Produkt im Laufe seiner Wertschöpfungskette freisetzt - seinen sogenannten CO2-Fußabdruck. Aber auch Wasser-, Energie-, und Landverbrauch schlagen zu Buche. «Ich beobachte mit Interesse, dass einige Lebensmittel-Hersteller angekündigt haben, Verfahren für CO2- Siegel zu entwickeln. Noch ist unklar, welche Kriterien diese Siegel erfüllen sollen. Der Verbraucher muss ein echte Entscheidungshilfe haben ­ simple Kosmetik oder durchsichtige PR-Gags helfen uns nicht weiter», sagte Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) am Mittwoch zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin der Deutschen Presse- Agentur dpa.

Auch unter Verbraucherschützern sind die Meinungen durchaus geteilt: «Ein CO2-Labelling von Produkten ist aus unserer Sicht nicht praktikabel», heißt es bei Foodwatch. Auch die Verbraucher-Initiative e.V., die im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamtes rund 350 Labels auf ihre Qualität überprüft, sieht derzeit keinen Handlungsbedarf: «Es gibt bereits einige gute Siegel. Die müssen nur bekannter werden», sagt Mitarbeiterin Melanie Weber.

Anders sieht das Grünen-Fraktionsvorsitzende Renate Künast, die sich für ein CO2-Label stark macht. Und auch die Verbraucherzentrale befürwortet ein staatliches, übergeordnetes Siegel - «wenn hierfür glauwürdige Standards, Vergabekriterien und ein Kontrollsystem entwickelt werden».

Daran arbeitet das PCF-Pilotprojekt Deutschland seit zwei Jahren zusammen mit Unternehmen sowie Experten des Öko-Instituts und des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK): Wissenschaftliche Methoden zur Ermittlung des Kohlendioxid-Fußabdrucks werden international standardisiert. «Seit Dezember gibt es einen internationalen ISO-Entwurf, der nun noch einmal in den nationalen Gremien kommentiert wird», berichtet Jacob Bilabel, der das PCF- Projekt leitet. In einem Jahr, so schätzt er, wird es international vereinbarte Berechnungsmodelle geben - die dann sowohl den Unternehmen als auch den Verbrauchern wertvolle Informationen über den «Kohlendioxid-Rucksack» eines Produktes liefern. So können Produktionsabläufe verbessert und umweltbewusste Kaufentscheidungen getroffen werden.

Und dann? Ein eigenes Siegel? «Vorstellbar ist auch, den Klimaaspekt in den Blauen Umweltengel zu integrieren. Das ist ein eingeführtes, anerkanntes Siegel», sagt Bilabel. Beim Umweltbundesamt in Dessau plant man derzeit, das bei Konsumgütern bewährte Siegel zunächst auf Genussmittel auszuweiten. «Im Hinterkopf haben wir auf alle Fälle auch die Lebensmittel. Aber so weit sind wir noch nicht», sagt Hans-Hermann Eggers, der beim Umweltbundesamt das Fachgebiet Umweltkennzeichnung leitet.

Fritz Reusswig, Leiter der Abteilung für Konsum- und Lebensstilforschung am PIK, hält es für wichtig, überhaupt einmal in kleinen Schritten und gegebenenfalls mit einem eigenen Siegel anzufangen, um durch Aufklärung den Treibhausgasausstoß zu verringern. «Schließlich produziert jeder Verbraucher elf Tonnen C02 pro Jahr nur für Konsumgüter, Nahrungs- und Genussmittel. Wir dürfen jetzt nicht auf das allumfassende Gesamtlabel warten.» Langfristig sei vor allem aus Verbrauchersicht jedoch ein solches Gesamtlabel wünschenswert - vielleicht eine Art «Superampel», die sowohl Nährwerte als auch Umweltfreundlichkeit wie Sozialverträglichkeit des Produkts ausweist.

Und wie entscheidet sich Klimaforscher Reusswig vor dem Getränkeregal? «Wenn er aus ungelagerten Äpfeln hergestellt wurde, ist der konventionelle Apfelsaft wahrscheinlich etwas klimafreundlicher. Weil mir als Verbraucher aber auch die Art der Landwirtschaft am Herzen liegt, würde ich wohl Bio kaufen - auch wenn's aus Bayern kommt.»


Von Andrea Barthélémy, dpa



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