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Schellnhuber: Cancún-Ergebnis nur Atempause (12.12.2010)

Prof. Hans Joachim Schellnhuber Quelle: PIKDer Patient ist am Leben gehalten worden, aber noch nicht kuriert. So sieht der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Prof. Hans Joachim Schellnhuber die internationalen Klimaverhandlungen nach dem Gipfel im mexikanischen Cancún. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa verweist der hochrangige Klimaforscher zugleich auf steigende Temperaturen.
Der vergangene Monat sei der mit Abstand heißeste November seit Beginn der Messungen gewesen.

Ein Interview von Simone Hummel (dpa)

Sind sie zufrieden mit dem Ergebnis von Cancún?

Schellnhuber: «Ich freue mich natürlich darüber, insbesondere weil es verlorenes Vertrauen in den Verhandlungsprozess wieder herstellt.
Aber das Ergebnis ist in erster Linie nur eine Atempause, weil letztendlich alle substanziellen Punkte nach 2011 verschoben wurden.»

Wo sehen Sie grundsätzlich noch Verbesserungsbedarf?

Schellnhuber: «Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wurde erneut nur zur Kenntnis genommen. Gegenüber Kopenhagen vor einem Jahr besteht der ganze Fortschritt darin, dass diese Zurkenntnisnahme jetzt unter dem Dach der Vereinten Nationen geschieht. Das illegitime Kind Kopenhagen Accord ist jetzt von der UN als das ihre anerkannt worden. Im Geist ist das alles sehr gut.
Entscheidend wäre aber, zwei Grad klar als verbindliches Ziel zu akzeptieren.»

Was fehlt noch in den Dokumenten von Cancún?

Schellnhuber: «Wenn man die Zwei-Grad-Linie halten will, so muss man, das haben wir ausgerechnet, den Scheitelpunkt der globalen Emissionen bis spätestens 2020 erreicht haben. Diese entscheidende Jahreszahl steht nicht im Papier. Zudem haben die Staaten sich nicht auf das Ziel geeinigt, den globalen Treibhausgasausstoß bis 2050 gegenüber 1990 zu halbieren. Man hat den Patient Weltklimavertrag am Leben gehalten, aber man hat sich nicht auf eine wirkliche Therapie einigen können.»

Wo sehen Sie deutliche Warnzeichen der Natur?

Schellnhuber: «Ich habe mir gerade die jüngsten Daten der US- Weltraumbehörde Nasa angeschaut und bin erschrocken. Demnach ist der letzte Monat der mit Abstand heißeste November seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen. Wenn jetzt im Dezember die Temperaturen nicht extrem sinken, wird 2010 das heißeste Jahr seit Messbeginn. Und das, obwohl wir das abkühlende Klimaphänomen La Niña hatten. Man kann sich als Wissenschaftler immer schwerer vorstellen, wie das Zwei-Grad-Ziel noch erreicht werden soll, wenn die Politik nicht rasch handelt. Die Natur schafft einfach Fakten.»

Können Sie effektive Ansätze nennen, um diese Entwicklung zu bremsen?

Schellnhuber: «Wenn man den in Cancún gegründeten Grünen Klimafonds richtig verwendet, kann er positive Wirkung entfalten. Er muss vor allem dafür eingesetzt werden, dass die Entwicklungsländer keinen ähnlich umweltfeindlichen Entwicklungsweg nehmen wie die Industrieländer. Die jährlich 100 Milliarden Dollar (75 Mrd Euro) ab 2020 bedeuten umgerechnet weltweit etwa 10 Euro pro Kopf und Jahr, angesichts der Größe des Problems eine sehr bescheidene Summe. Das ist deutlich weniger als die weltweiten Agrarsubventionen.»

Ist nicht die Anpassung der armen Staaten an den Klimawandel ebenfalls wichtig?

Schellnhuber. «Nochmals: Das Geld sollte vor allem für eine klimafreundliche Entwicklung eingesetzt werden - nicht als Schweigegeld, das dazu dient, den Entwicklungsländern etwas Hochwasserschutz oder neue landwirtschaftliche Technologien zu finanzieren, damit sie nicht mehr über den Klimawandel klagen.
Anpassung ist natürlich unvermeidlich. Nur: Statt die Symptome zu kurieren, sollte man den Patienten lieber vor der Krankheit schützen.»

Welche Kernsymptome sehen Sie bereits?

Schellnhuber: «Desaströse Fluten wie dieses Jahr in Pakistan hängen vermutlich direkt mit extrem hohen Temperaturen zusammen. Im Mai war es dort bis zu 53,5 Grad heiß, das war die höchste Temperatur, die jemals in ganz Asien gemessen wurde. Und je höher der Temperaturunterschied zwischen Land und Meer ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für einen extrem starken Monsun. Der Meeresspiegel ist durchschnittlich bereits um rund 30 Zentimeter gestiegen. Die Promenade im ägyptischen Alexandria ist schon weg. Vor allem bedroht das natürlich Inselstaaten.

Was ist politisch kurzfristig noch zu tun?

Schellnhuber: «Ich denke, dass die EU ihr Reduktionsziel von 20 Prozent (1990 bis 2020) bei der nächsten EU-Ratssitzung im März auf 30 Prozent erhöhen sollte. Nun müsste alles getan werden, um den guten Geist von Cancún deutlich zu stärken.»

 

 


Simone Humml, dpa

© Prof. Hans Joachim Schellnhuber Quelle: PIK



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