Die Auswirkungen der Viehhaltung auf den Klimawandel werden nach Ansicht deutscher Forscher deutlich überschätzt. «Sie reduziert vielmehr die Abgabe von Lachgas an die Atmosphäre», sagte einer der deutschen Wissenschaftler am Mittwoch in Garmisch-Partenkirchen nach einjährigen Tests in China. Die Forscher des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung Atmosphärische Umweltforschung (IMK-IFU) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hatten die Viehhaltung in der Inneren Mongolei untersucht und berichten nun im britischen Fachjournal «Nature» (Bd. 464, S. 881) darüber.
Lachgas (N20) zählt neben Kohlendioxid (CO2) und Methan zu den wichtigsten Treibhausgasen. «Ein Kilogramm N2O ist rund 300 Mal treibhauswirksamer als die gleiche Menge CO2», erläutert Klaus Butterbach-Bahl, dessen Institut in Bayern seinen Sitz hat. Sein Team betrieb im menschenleeren und im Winter bis zu minus 40 Grad Celsius kalten Steppengebiet der Inneren Mongolei mehrere Messstationen. Es fand dabei heraus, dass auf Flächen, die nicht der Viehhaltung dienen, über das Jahr verteilt größere Mengen an Lachgas entstehen als auf beweideten Steppenflächen.
«Bisherige Kurzzeituntersuchungen übersehen, dass die Abgabe bedeutender Lachgasmengen aus Steppenböden an die Atmosphäre ein natürlicher Prozess ist», erklärt Butterbach-Bahl. Ein großer Teil der natürlichen Lachgas-Emissionen entfalle auf die Tauwetter- Periode im Frühjahr. Durch das grasende Vieh gingen genau diese Emissionen deutlich zurück.
Der Grund: Wird die Fläche buchstäblich abgegrast, kann Schnee leichter vom Wind transportiert werden, dadurch bleibt die Schneehöhe niedriger als in unbeweideten Gebieten. Dadurch sind Böden mit Viehhaltung im Winter schlechter isoliert und um bis zu zehn Grad kälter. Außerdem bleiben sie wegen der geringeren Schneemenge beim Tauwetter im März trockener. «Kälte und Trockenheit hemmen dann mikrobielle Aktivitäten in der Tauperiode», erklärt Butterbach-Bahl. «Als Folge gibt das Erdreich bedeutend weniger Lachgas ab.» Er geht mit seinem Team davon aus, dass aufgrund falscher Daten bislang die Lachgas-Emissionen auf großen Flächen um rund 72 Prozent überschätzt werden.
Ihre Ergebnisse sehen die Wissenschaftler allerdings nicht als Hoffnungsschimmer im Kampf gegen den Klimawandel: «Unsere Arbeit zeigt lediglich, dass noch viel Forschungsarbeit notwendig ist, um die Quellen für atmosphärisches Lachgas wirklich zu verstehen», sagt Butterbach-Bahl. Auch die starke Viehhaltung müsse kein praktikabler Ansatz sein. Denn wenn Rinder rülpsen und Blähungen haben, dann setzen sie in großen Mengen den Klimakiller Methan frei - und dies wird in der neuen Studie nicht berücksichtigt.
Die Empfehlung der Wissenschaftler: «Ein Heuschnitt im Herbst könnte die Grashöhe und somit die winterliche Schneehöhe genauso wie die Lachgas-Emissionen in der Tauperiode verringern» schlägt Butterbach-Bahl vor. «Außerdem wissen wir einfach noch nicht genug. Die natürlichen Systeme sind mehr oder weniger nie studiert worden, erst recht nicht über die Dauer eines ganzen Jahres.»
(Fachartikelnummer DOI: 10.1038/nature08931)
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