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Indien drängt auf den Bio-Markt - Nachhaltigkeitsdebatte (15.02.2012)

Nürnberg - Das Bild ist in vielen indischen Kleinstädten das gleiche: Ganze Straßenzüge sind gesäumt von Gemüsebergen. Im Schatten kauernd bieten die Bäuerinnen am Straßenrand Tomaten, Karotten, Kartoffeln und Blumenkohl an. Auf den Waren klebt kein Etikett, kein Werbeschild weist darauf hin - und doch ist das Gemüse zu 100 Prozent biologisch angebaut.

Seit alters her wirtschaften viele der indischen Kleinbauern nach ökologischen Kriterien, achten auf Fruchtfolgen und richten sich teils sogar wie manch anthroposophischer Landwirt nach dem Mondzyklus. Mit diesem Pfund will der Subkontinent nun wuchern: Das diesjährige Gastland der Öko-Messe Biofach will seine Bio-Exporte von zuletzt 375 Millionen US-Dollar bis 2015 auf eine Milliarde US-Dollar (knapp 756 Mio Euro) steigern.

Bild: Pixelio/doozi«Es ist für die indische Landwirtschaft relativ einfach, den Öko-Landbau umzusetzen, denn wir haben eine reiche Geschichte an biologischer Herstellung bereits hinter uns», sagt eine Expertin der staatlichen Exportgesellschaft APEDA, die wegen ihrer zahlreichen Vornamen nur als «Dr. Gouri» bekannt ist. Inzwischen gebe es in Indien 4,4 Millionen Hektar zertifiziertes Land, darunter auch Wildgebiete und große Wälder. Auf den Ackerflächen werden vor allem Reis, Soja, Gewürze und Tee angebaut. Aber auch Baumwolle - Indien hat inzwischen die Türkei als weltweit größten Produzenten von Bio-Baumwolle überholt.

In keinem Land der Welt gibt es nach Angaben des internationalen Bio-Dachverbandes IFOAM so viele zertifizierte Bio-Bauern wie in Indien mit gut 400 500. Die Kleinbauern produzieren 95 Prozent der 300 Produkte, die inzwischen in den Export gehen. Hauptabnehmer sind zu 40 Prozent Europa, gefolgt von den USA und Kanada, berichtet Dr. Gouri. Die indische Bio-Branche ist stolz darauf, dass in Indien als biologische Ware zertifizierte Produkte auch in der EU als «bio» anerkannt werden.

In Deutschland sind die Händler auf solche Importe dringend angewiesen - die einheimischen Bio-Bauern kommen mit der Produktion bei weitem nicht hinterher. Abgesehen davon, dass auch der beste Landwirt in hiesigen Breitengraden keine ökologisch vertretbaren Bananen und Mangos anbauen könnte. Doch wie nachhaltig ist Bio-Ware noch, wenn sie über Tausende von Kilometern zu den Verbrauchern transportiert werden muss? Ein Thema, das die Branche auch auf der noch bis zum 18. Februar stattfindenden Messe Biofach umtreibt.

«Es gibt zwei große Lager», berichtet Franz Ehrnsperger, Besitzer der Öko-Brauerei Lammsbräu aus Neumarkt in der Oberpfalz. «Einmal die Leute, die aus dem normalen Lebensmitteleinzelhandel kommen und jetzt auch Bio-Lebensmittel anbieten. Und die Leute, die aus der Bio-Bewegung der 70er und 80er Jahre kommen und das auch als Lebensstil sehen.»

Das Ziel der letzteren Gruppe sei es, die regionalen Kreisläufe zu schließen. Importierte Produkte, die etwa über den Seeweg nach Deutschland kämen, dürfe man dabei dennoch nicht per se verdammen, mahnt Ehrnsperger. «Aber ich muss nicht im Januar eine Bio-Ananas aus Neuseeland essen. Da wird der Bio-Gedanke ad absurdum geführt.»

Kritisch sieht er vor allem die großen Mengen, die der Handel weltweit besorge. «Wenn Edeka irgendein Produkt ins Angebot nimmt, reden wir über 200 bis 300 Lastzüge. Wenn Aldi das macht, reden wir über zwei Schiffe», schildert Ehrnsperger.

Hinzu komme die Frage der Kontrollen, die in vielen Exportländern zwar schon sehr gut, aber doch noch nicht ganz auf dem Stand von Deutschland seien. Das sieht auch Elke Röder vom Bundesverband Naturkost Naturwaren Herstellung und Handel (BNN) so. Sie weist aber auch darauf hin: «Es hat Betrug in Deutschland gegeben, es hat Betrug in Italien gegeben. Es gibt Fragen an China und Indien, aber es gibt auch gute Ware aus China und Indien.»

Und auch in Deutschland gebe es noch viel Potenzial, betont Röder. Ihr Verband hat gerade einen «Nachhaltigkeitsmonitor» entwickelt, mit dem Bio-Unternehmen überprüfen können, wie sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden - ob beim Öko-Strom, bei der Heizung oder dem Abfallmanagement.


Von Elke Richter, dpa

© Bild: Pixelio/doozi



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