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Shell-Vorstand: Gas wird zum zentralen Energieträger (16.06.2012)

Erneuerbare Energien können nach Einschätzung des Shell-Konzerns auch in 30 Jahren höchstens ein knappes Drittel zur globalen Versorgung beitragen. Der Konzern setzt verstärkt auf Gas - es ist flexibel einsetzbar und verursacht die geringsten CO2-Emissionen.

Hamburg - Der weltweite Energieverbrauch wird sich nach Einschätzung des Shell-Konzerns in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts verdoppeln. «Die Weltbevölkerung steigt bis 2050 von sieben auf neun Milliarden Menschen, die Energie nachfragen», sagte Matthias Bichsel, im Shell-Vorstand zuständig für Projekte und Technologie, der Nachrichtenagentur dpa in Hamburg.

«Der Pro-Kopf-Verbrauch von Energie wird sich vielleicht nicht in den Industrieländern, wohl aber in den Schwellen- und Entwicklungsländern weiter nach oben entwickeln.» Fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle würden auch in drei Jahrzehnten noch den überwiegenden Teil der Energieversorgung der Menschheit sicherstellen. «Wir müssen also etwas tun, um den Ausstoß von CO2 zu senken», sagte Bichsel, einer von zwei Schweizern in der Shell-Führung.

Der Konzern habe seit 2005 Milliarden in verschiedene Projekte im eigenen Unternehmen investiert, um den CO2-Ausstoß bei der Förderung und der Verarbeitung von Öl und Gas zu senken. Es sei jedoch Aufgabe der Politik, CO2-Emissionen zu verteuern um damit Anreize für eine effiziente Verwendung von fossiler Energie zu schaffen, zum Beispiel durch die Reduktion von CO2-Zertifikaten im europäischen Emissionshandelssystem.

Shell arbeite an verschiedenen Technologien und Methoden, um den umweltfreundlicheren Einsatz von Energie zu ermöglichen. Dabei setze der zweitgrößte Konzern der Welt vor allem auf Gas. «Gas ist sehr flexibel einsetzbar und es hilft bei der Einsparung von CO2», sagte Bichsel. Shell habe im vergangenen Jahr erstmals mehr Gas als Öl gefördert und werde den Anteil tendenziell in den kommenden Jahren vermutlich weiter steigern.

Bei der Verwendung von Gas gebe es eine Reihe von neuartigen Technologien in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung, bei denen sich Shell als Technologieführer sehe. Dazu gehöre zum Beispiel die Umwandlung von Gas zu flüssigen Produkten wie Diesel (GTL). Bereits etabliert aber ausbaufähig sei verflüssigtes Gas (LNG), das künftig auch als Antriebsenergie für große Maschinen, Lokomotiven, Lastwagen und Schiffe eingesetzt werden könne.

In Australien plant Shell den Bau einer gigantischen Gas-Förderanlage auf See, die das Gas dann gleich verflüssigt (Floating LNG) - ein spektakuläres Projekt und weltweit das erste seiner Art. Vor allem aber bei der Stromerzeugung werde Gas künftig eine größere Rolle spielen. «In China werden erst vier Prozent des Stroms aus Gas erzeugt, in den USA sind es 25 Prozent», sagte Bichsel. Dabei verfüge China über große Gasvorkommen. Es werde allerdings Jahrzehnte dauern, in dem riesigen Land eine leistungsfähige Gas-Infrastruktur zu errichten.

China ist der weltweit größte Produzent und Verbraucher von Kohle. Ein Kohlekraftwerk erzeugt ungefähr doppelt so viel CO2 wie ein Gaskraftwerk. Shell investiert in diesem Jahr rund 30 Milliarden US-Dollar, davon 80 Prozent in die Suche und Förderung von Energie und die Erschließung neuer Öl- und Gasquellen. «Wie ein normaler Anleger müssen wir diese Investitionen nach Ressourcen und Regionen diversifizieren», sagte Bichsel.

«Grundsätzlich brauchen wir alle Energiequellen und wir müssen aus denen, die wir haben, alles rausholen.» So hat Shell in den Niederlanden ein bereits ausgefördertes Ölfeld wieder in Betrieb genommen, weil mit heutiger Technologie dort weiteres Öl gewonnen werden kann. Insgesamt 60 neue Projekte umfassen ebenso die Förderung in der Tiefsee und in der Arktis, die Gewinnung von unkonventionellem Gas aus Schiefer und die Ausbeutung der reichen kanadischen Ölsände. Shell bemühe sich, die Eingriffe in die Natur so gering wie möglich zu halten und auszugleichen. «Ein großer Konzern hat auch eine große Verantwortung», sagte Bichsel.


Gespräch: Eckart Gienke, dpa



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