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Hochalpines Refugium im Kampf gegen den Klimawandel (13.08.2012)

Quelle Bild 1: Siemens PressebildDie Monte-Rosa-Hütte - Anziehungspunkt für Bergsteiger und wissenschaftliches Labor. In dem futuristischen Gebäude in den Schweizer Alpen suchen Forscher und Unternehmen nach Wegen, dem Klimawandel auch mit neuer Gebäudetechnik beizukommen.

Zermatt - Langsam, Schritt für Schritt gehen die vier Männer die letzten Meter zur Terrasse. Bergstiefel krachen auf das helle Holz, Rucksäcke werden abgestellt, Steigeisen scheppern, Seile werden über die Stühle gehängt. Kaum eine Wolke hängt am Himmel. Es ist heiß, auch wenn der Höhenmesser rund 2880 Meereshöhe anzeigt. Rings herum leuchten die eisigen Gipfel der 4000er der Walliser Alpen. Die Bergsteiger bestellen Bier und Nudeln, ihr Blick hängt am Matterhorn, das in der Ferne aufragt. Der Alltag auf der 2009 eröffneten neuen Monte-Rosa-Hütte sieht kaum anders aus als auf anderen Berghütten.

Doch es ist keine gewöhnliche Berghütte. Die Aluminiumfassade des mehrstöckigen, achteckigen Gebäudes glänzt silbern. Wie ein Bergkristall wächst der Bau aus dem Hang, von fern könnte es eine Raumstation sein. Das Haus ist nicht nur Refugium für Bergsteiger, sondern Forschungsprojekt: Hier wird im Kleinen untersucht, was im Großen auch für Themen wie die Energiewende nützlich ist. Die Hütte soll Erkenntnisse liefern, wie man Gebäude besser steuern kann, wie man Energie nicht nur spart, sondern sinnvoll einsetzt, sie speichert, knappe Ressourcen schont und den CO2-Ausstoß verringert. Der Ort erscheint dafür so ungewöhnlich wie perfekt.

Quelle Bild 2: Siemens PressebildHinter der Hütte erhebt sich im gewaltigen Monte-Rosa-Massiv die Dufourspitze, der höchste Gipfel der Schweiz. Zu Füßen der Hütte fließen Gorner-, Grenz- und Monte-Rosa-Gletscher. Die rasant schrumpfenden Eisgiganten erinnern an die Dringlichkeit des Gemeinschaftsprojekts, das vom Schweizer Alpin Club (SAC), der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und der Hochschule Luzern betreut wird. Die Messtechnik und Regelungssysteme steuerte unter anderem die Gebäudetechniksparte von Siemens bei. Strom liefern Photovoltaikmodule in der Südfassade, mit Panels nach Südwesten wird Wärme erzeugt. Das Wasser kommt aus einer Kaverne, in der sich Schmelzwasser sammelt.

«Das ist für uns ein Vorzeigeprojekt. Grundsätzlich ist es aber für uns enorm wichtig, dort auch neue Erkenntnisse zu gewinnen, die uns voran bringen. Und auf der Monte-Rosa-Hütte können wir das unter Extrembedingungen beobachten», sagt Siemens-Sparten-Chef Johannes Milde der Nachrichtenagentur dpa. Die Hütte steht exponiert im Hochgebirge. Was hier oben erprobt wird, das wird auch in anderen Regionen helfen, ist Siemens überzeugt. Wie viele Anbieter setzt der Konzern große Hoffnung in das Geschäft, das angesichts steigender Energiekosten, des Klimawandels und der Energiewende neuen Schwung bekommt. «Die Energieeffizienz von Gebäuden ist einer der größten Wachstumstreiber für unser Geschäft.»

Quelle Bild 3: Siemens PressebildSiemens geht davon aus, dass man in Deutschland, Österreich und der Schweiz etwa 30 Prozent Energie einsparen könnte, wenn Gebäude entsprechend ausgerüstet werden. «Das ist natürlich nicht schnell zu erreichen», erläutert der Manager. Dabei geht es gar nicht so sehr um moderne Neubauten, sondern vor allem um den Bestand älterer Gebäude. Neu sei das zwar nicht. «Doch Themen wie die Energiewende haben das Tempo noch mal erhöht, vor allem was die Renovierung alter Gebäude betrifft.» Dort ließen sich die größten Einsparungen erreichen.

Einsparungen, die nicht nur ein gutes Geschäft für Siemens sind, sondern auch die Kunden gut gebrauchen können, denn die steigenden Energiekosten leeren rasch die Kassen. «20 Prozent unserer Kunden sind aus der Industrie, gut ein Drittel sind öffentliche Auftraggeber wie Kommunen.» Doch letzteren fehlt oft das Geld für neue Technik. «Gerade hier bieten wir auch Finanzierungsmodelle, die uns im Gegenzug für die Investition an der Kostenersparnis beteiligen.»

In Berlin praktiziert Siemens so eine Strompartnerschaft. Nutzen soll es beiden Seiten und das rasch. «Unsere Kunden erwarten, dass sich ihre Investition in vier bis sechs Jahren rechnet», sagt Milde. Helfen würde eine Art Gebäude-TÜV, denn bisher seien Messungen im Betrieb eines neuen Gebäudes nicht vorgesehen. «Doch auch neueste Systeme lassen sich nur effizient betreiben, wenn sie auch regelmäßig anhand echter Daten aus dem Prozess überprüft und kontinuierlich optimiert und gewartet werden.» Genau das wird auf der Hütte gemacht.

Doch die Daten zeigen auch Rückschläge. Ausgerechnet der Erfolg, die ungeheure Anziehungskraft der Hütte, macht dem Projekt am meisten zu schaffen. Bereits vor dem Neubau lockte die prominente Lage der alten Hütte in der kurzen Saison 4500 Übernachtungsgäste. Matthias Sulzer glaubte von Beginn an, dass die neue dies noch übertreffen würde, schon wegen der Architektur. Sulzer ist Dozent für Energie- und Gebäudetechnik an der Hochschule Luzern und mit seiner Firma für die technische Ausstattung der Hütte mitverantwortlich. Die Instrumente, Tanks und Schaltschränke verwandeln den Keller in eine High-Tech-Zentrale, die sich per Laptop auch von China aus steuern lässt - wenn man will.

Lange habe man mit dem SAC diskutiert, für welche Auslastung diese Gebäudetechnik ausgelegt werden soll, und sich auf vorsichtig geschätzte 6500 Besucher pro Jahr geeinigt. «Und schon im ersten Jahr waren es mehr als 10 000, dazu noch 3000 Tagesgäste.» Die Kläranlage versagte, es stank erbärmlich. «Es war grausig.» Die Abwassertechnik wurde ersetzt. Nun ist die Hütte für die Hinterlassenschaften der Gäste wieder auf den Heli angewiesen. Doch die Forscher lernen daraus. Bei der Renovierung der Hörnli-Hütte am Matterhorn bis 2015 werde vieles anders gemacht. «Schon dafür lohnt es sich.»

Auch auf der Monte-Rose-Hütte bleibt Arbeit zu tun. Ursprünglich sollte das Gebäude nahezu autark sein. Technisch, erklärt Sulzer, sei das gar kein Problem. «Da hängen Sie ein paar Photovoltaikmodule mehr hin und bauen größere Wärmespeicher und fertig.» Doch das kostet Geld und Ressourcen. Und im Winter oder an Tagen mit wenigen Gästen steht die teure Technik nutzlos herum. «Die Herausforderung ist das Optimum an Effizienz herauszuholen.» Über die vorausschauende Regelung der Technik sollen die vorhandenen Mittel bestmöglich genutzt werden. Doch dazu muss man viel über die Nutzer, ihre Zahl und ihre Bedürfnisse wissen, aber auch über das oft strenge Wetter.

«Das Ziel ist, die Regelung so zu verbessern, dass alle Teile optimal zusammenarbeiten», sagt Samuel Fux. Der Doktorand der ETH Zürich betreut Teile der wissenschaftlichen Arbeiten. «Macht man die Komponenten zu klein, kann man keine Ausfälle oder unvorhergesehene Probleme kompensieren. Macht man sie zu groß, dann wird die Anlage zu teuer.» Wichtig seien die Systeme, die das Gebäude mit Strom, Wasser oder Wärme versorgen, wenn die Energie auch gebraucht wird. Das Gebäude energieeffizient zu bauen reicht nicht - es muss auch intelligent gesteuert werden.

Dabei hilft auch das Buchungssystem via Internet, mit dem die Gästezahlen in das System eingepflegt werden. Doch der Ansturm ist groß. In Zeiten mit weniger Gästen, etwa bei schlechterem Wetter oder unter der Woche, sollte Energie gespeichert werden, die bei hoher Auslastung zur Verfügung steht. «Doch wenn die Hütte ständig voll ist, lässt sich nichts speichern», sagt Fux. Deshalb liegt der angepeilte Autarkiegrad von 90 Prozent ohne die für das Kochen nötige Energie und von 70 Prozent mit der fürs Kochen benötigten Energie noch fern. «Derzeit schaffen wir eine Autarkie von etwa 58 Prozent inklusive der Kochenergie», sagt Sulzer. Doch die Technik werde auf eine Auslastung von 10 000 Gästen erweitert. Dann sei man weiter.

Doch es gibt auch Kritiker alternativer Energien, die sich bestätigt sähen, erzählt Samuel Fux. Die Hütte zeige, dass die erneuerbaren Energien versagt hätten, sagen die. Doch das sei schlicht falsch. Die Technik liefere, was sie soll. «Das Problem liegt nicht bei der Energieerzeugung, es liegt auf der Verbraucherseite», sagt Fux. Die Hütte zieht einfach zu viele Leute an. Und das, obwohl der Weg dorthin kein Sonntagsspaziergang ist. Drei bis vier Stunden braucht es, nach einem Wanderweg müssen die Gäste mit Hilfe einer mehr als 15 Meter hohen Leiter an steilen Felsen hinunter zum Gletscher, den es danach zu überqueren gilt, vorbei an Spalten, über Geröll und Schutt. Es folgt eine weitere Stunde Aufstieg.

Doch davon lassen sich nicht viele abschrecken. «Die Hütte gefällt den Menschen unwahrscheinlich gut», sagt Fux. Dabei waren Architektur und Ausstattung nicht unumstritten. Auch der Zermatter Bergführer Henry Willi war zuerst nicht begeistert. Die alte Monta-Rosa-Hütte sei wie ein Zuhause gewesen. Eine Hütte, wie sie sein soll, wie sie es zu hunderten in den Alpen gibt. Doch das alte Haus liegt in Trümmern unterhalb des Neubaus, das verbogene Kupferdach daneben, davor noch ein Tisch und eine Bank. Viel ist nicht übrig von der Hütte, an der viele Erinnerungen hängen, in der es aber kein fließendes Wasser gab, geschweige denn heiße Duschen oder einen Dampfgarer in der Küche. «Aber die Zeiten ändern sich», sagt der erfahrene Bergführer. Er hat sich mit der neuen Hütte versöhnt. «Jetzt finde ich sie schön.»


Von Sebastian Raabe, dpa

© Quelle Bild 1: Siemens Pressebild

© Quelle Bild 2: Siemens Pressebild

© Quelle Bild 3: Siemens Pressebild



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