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Reportage: Waldleben mit Klimaschutz - Papuaner fühlt sich als Millionär (01.12.2011)

Papua-Neuguinea hat riesige Wälder und eine schwache Regierung - ein Paradies für die Holzindustrie. Umweltschützer sind im Wettlauf mit der Zeit, um zu retten, was zu retten ist. REDD+ wäre eine Chance.

Madang  - Das hektische Treiben im Dorf, die Enge, das hat das Ehepaar Gamauva und Kamsom Sagig gründlich satt. Sie sind zurückgekehrt zu ihren Wurzeln, dahin, wo Gamauvas Vorfahren Jahrhunderte lebten, in den Urwald von Papua-Neuguinea. Von ihrer malerischen Lichtung am Awame-Bach aus müssen sie eine Stunde über Stock und Stein laufen und das Bachbett bis zur nächsten Siedlung mehrmals durchqueren. «Aber wir gehen nur, wenn es unbedingt sein muss», sagt Kamson und ihr Mann nickt.

Die beiden sind um die 50, so genau wissen sie es nicht. Die jüngste Tochter Anna (17) lebt bei ihnen sowie 14, 15 Cousins, Cousinen, Neffen, Nichten, Tanten. Die Rückkehr in den Wald hat die Umweltstiftung Foundation for People and Community Development (FPCD) in Madang an der Westküste begleitet. Sie hilft traditionellen Landbesitzern, ihr Eigentum - die Wälder - wieder selbst zu bewirtschaften und vor dem Zugriff großer Holzkonzerne zu schützen.

Ihr Konzept ist nachhaltige Waldnutzung: «Den Wald kennen, pflegen, die Balance des Ökosystems erhalten, Bäume selektiv schlagen», sagt FPCD-Forstwirt Brian Daniel. «Gefällt werden nur Bäume, die in Brusthöhe mindestens 50 Zentimeter Umfang haben.» Familie Sagig könnte eines Tages viel Geld verdienen. Durch REDD+, ein bei allen Klimaverhandlungen heiß diskutiertes Konzept, das jetzt auch beim Klimagipfel in Durban wieder auf dem Tisch liegt. Waldreiche Entwicklungsländer sollen entschädigt werden, wenn sie Emissionen einsparen, indem sie ihre Wälder nicht abholzen, sondern schützen und aufforsten.

REDD ist die englische Abkürzung für «Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Schädigung von Wäldern». Ein Fünftel der weltweit freigesetzten Treibhausgase stammen aus dem Forstsektor. Das Geld käme etwa aus dem Emissionshandel oder einem von großen Klimaverschmutzern finanzierten Fonds. Deutschland hat nach Angaben des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) schon zugesichert, 30 Prozent der 1,26 Milliarden Euro für klimawirksame Sofortmaßnahmen für REDD+ bereitzustellen.

Die Umsetzung der Projekte ist aber umstritten. Wie soll überwacht werden, dass REDD-geförderte Wälder nicht doch abgeholzt werden? «Ich fälle nur dann, wenn ich einen Auftrag habe», sagt Sagig. Den Kontakt zu den Händlern vermittelt FPCD. Die Organisation hat dem Bauern mit einem Mikrokredit auch zu einem Minisägewerk verholfen. So kann er die Stämme selbst zuschneiden und beim Händler höhere Preise erzielen. «Ich habe in fünf Jahren alles zurückgezahlt», sagt er zufrieden. Bis 1000 Kina - 360 Euro - bekommt er für einen Kubikmeter des bis zu 50 Meter hohen Merbau-Baums.

Merbau ist ein besonders hartes und deshalb wertvolles Tropenholz. Mit dem Geld zahlt er Schulgebühren für Kinder und Enkelkinder, Kleidung, Arztbesuche. Sagig sitzt an diesem Morgen vor seinen zwei prächtigen auf Stelzen gebauten Holzhäusern auf einem Stamm im Schatten. Wie einen englischen Rasen hat er das Gras geschnitten, ein paar Zierbüsche blühen rot. Hühner rennen gackernd durch die Wiese. Neben dem Haus steht eine Bananenstaude. «Wer möchte?» fragt seine Frau und pflückt ein paar. «Ich habe auch Papaya, Süßkartoffel und grünes Gemüse.» Der Bach plätschert, die Vögel zwitschern, Tochter Anna röstet im Freien Erdnüsse.

Es ist kühl auf der Lichtung, Gamauva und Kamson genehmigen sich eine Betelnuss. Das milde Aufputschmittel ist Nationalsport in Papua-Neuguinea. Praktisch jeder Erwachsene - und oft auch Kinder - offenbart beim Lachen einen Mund voll rotem Speichel und oft genug schwarz gefärbten Zahnstummeln. Die Wälder in Papua-Neuguinea, kurz PNG genannt, werden in rasantem Tempo abgeholzt. In der Ramu-Region, etwa vier Stunden von Madang entfernt, beginnt gerade ein neuer Kahlschlag: Der malaysische Holzkonzern Rimbunan Hijau hat dort mehrere Abholz-Konzessionen mit je mehr als 100 000 Hektar Wald bekommen. «Es ist der letzte gut zugängliche Urwald in der Provinz», sagt Daniel. «In zehn, 15 Jahren ist das alles weg.» PNG hat nach Brasilien und Indonesien den größten tropischen Regenwald der Welt.

Mehr als zwei Drittel des Landes - mit 32 Millionen Hektar ein Gebiet fast so groß wie die Bundesrepublik - sind bedeckt. Noch. Rund 15 Prozent sind seit Anfang der 70er Jahre verschwunden, zeigen Satellitenstudien von Phil Shearman, der an der Universität von PNG lehrt. Anfang des Jahrtausends schwanden 362 000 Hektar im Jahr - eine Fläche so groß wie Mallorca. «Bei dieser Rate dürften bis 2021 53 Prozent aller Wälder verschwunden oder schwer geschädigt sein», schrieb Sherman. «PNG verliert seinen Regenwald in Raten, die mit dem Kongo oder dem Amazonas vergleichbar sind.» Seitdem hat sich die Entwicklung noch beschleunigt.

Seit 2003 hat die Regierung 5,2 Millionen Hektar Land für Plantagenbau freigegeben. Das ist eine gigantische Fläche - elf Prozent des Landes und die Hälfte des Waldes, der nicht an unzugänglichen Hängen liegt, hat die Umweltorganisation Greenpeace ausgerechnet. Die Behörden sind freigiebig mit den Lizenzen, obwohl laut Verfassung eigentlich 97 Prozent der Wälder den heute 6,6 Millionen Einwohnern gehören, die dort seit Generationen leben. Wahrscheinlich fließen über dunkle Kanäle Zahlungen, meinen Umweltschützer. Das Nachsehen haben immer die Landbesitzer.

Die meisten würden dabei über den Tisch gezogen, sagt Kafari Yato, der auch für die Umweltstiftung FPCD arbeitet. «Die Regierung kassiert, die Anwohner sehen kaum etwas davon», sagt er. «Zum Beispiel in der Ramu-Region - die Leute bekommen 32 Kina pro Kubikmeter Kwila-Holz. In Australien wird es für mindestens 1700 Kina verkauft.» Die Regierung kümmert sich nach einer Studie des Nationalen Forschungsinstituts NRI von Juni 2011 herzlich wenig um die Belange des Volkes. Das Maisin-Volk in Collingwood Bay etwa hatte keine Ahnung, was passiert, als 1999 eine malaysische Holzfirma mit ihren Baggern und Sägen anrückte und Bäume für eine Palmölplantage fällte. Ein Gericht erklärte die erteilte Lizenz 2002 für illegal. Um die Bäume war es da aber bereits geschehen.

Die malaysische Holzfirma Concord Pacific wurde im Juni 2011 verurteilt. Sie muss wegen illegalen Holzschlags vier Eingeborenen-Stämmen in der Western Provinz 225,5 Millionen Kina zahlen. Das Unternehmen hatte zwar eine Lizenz, schlug aber nicht die erlaubten 40 Meter breiten Schneisen beiderseits ihrer Straße, sondern 20 Kilometer, wie die Zeitung «Post-Courier» berichtete. «Die verheerenden Folgen sind starke Erosion, ständige Überschwemmungen, Zerstörung der Gärten und kaum noch Wild», sagte der Anwalt der Kläger, Damien Ase, der Zeitung. Die Lizenz lief ab, die Firma ist weg - das Geld werden die Kläger wohl nie sehen.

REDD wäre eine ganz neue Einnahmequelle, die die Waldzerstörung stoppen könnte. «Wenn für eine Tonne CO2 mehr als zehn US-Dollar gezahlt wird, könnte das die wirtschaftlichen Gewinne durch Abholzen und Palmölplantagen übertreffen», schreibt Nalau Bingeding in einer Studie des Nationalen Forschungsinstituts (NRI). Allerdings sei das Land noch nicht so weit, nachhaltigen Waldschutz zu gewährleisten.

Die Regierung habe REDD schon früh als spannendes Projekt erkannt, das zwei Fliegen mit einer Klappe schlage, schreibt Anthropologe Colin Filer von der National University Australiens im East Asia Forum-Blog seines Instituts. Erstens konnte die von Umweltschützern und westlichen Regierungen kritisierte Verscherbelung von lukrativen Abholzlizenzen mit Verweis auf die REDD-Verhandlungen erstmal weitergehen. Und zweitens könnte man Schutzmaßnahmen auf später schieben, wenn es dafür dann REDD-Gelder gebe. Die Regierung richtete sofort eine Klimawandelbehörde ein, die den CO2-Handel koordinieren sollte.

Doch ihre Aktivitäten waren von Skandalen und Korruption gezeichnet. «Schon 2007 setzte eine Welle spekulativer Investitionen in potenzielle REDD-Projekte ein», schrieb Filer. «Mitte 2009 waren PNGs "Carbon-Cowboys" eine Mediensensation.» Tief verstrickt in die Spekulationen war offenbar der Direktor der Behörde, Theo Yasause. Ohne, dass international je REDD-Standards verabschiedet worden wären, tauchten 2009 REDD-Zertifikate mit seiner Unterschrift für den Kamula Doso-Wald in der Western-Provinz auf - ob sie verkauft wurden, ist unklar. «Es waren nur Muster», beteuerte er später, die habe jemand aus seinem Büro geklaut. Warum der Minister 40 Muster brauchte? «Wir wollten einfach mal sehen, wie so etwas aussehen könnte», meinte er wenig überzeugend. Er musste gehen.

Greenpeace verlieh PNG im vergangenen Jahr die «goldene Kettensäge». «Die Regierung will sich Milliarden von Dollar unter den Nagel reißen - aber anstatt die Regenwälder zu schützen, schieben sie korrupterweise weiter Abholzlizenzen raus und ignorieren die Rechte der Menschen, denen das Land gehört», sagt Sam Moko, der einheimische Experte für Ökoforstwirtschaft bei Greenpeace. «Korruption in PNGs Waldindustrie, das Ignorieren der Landbesitzerrechte, aufgeblasene Schätzungen der potenziellen REDD-Einnahmen und der Mangel an effektiven Institutionen erzeugen nicht gerade Vertrauen, dass die Regierung den von anderen bezahlten Wandel hin zu einem Land mit wenig Kohlenstoffemission hinbekommt», schrieb Greenpeace.

Familie Sagig tut in ihrem Wald genau das, was mit REDD-Geldern belohnt werden soll. «Unsere Ökowaldprojekte erfüllen alle Anforderungen», sagt Daniel von der Organisation FPCD. «Aber unsere Regierung hat wenig Interesse an kleinen Initiativen wie diesen.» Gamauva und Kamson bleiben gelassen. Mehr Geld, als sie brauchen, um Schulgebühren, Kleider und Zucker zu kaufen, interessiert sie nicht. Auch steinreiche Holzfirmen hätten keine Chance. Auch nicht für eine Million Dollar? «Soviel ist der Wald wert?» sagt Sagig. «Na, dann bin ich hier mit meinem Wald ja schon Millionär.»


Von Christiane Oelrich, dpa



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